Bettina Röhl direkt: Politik vom Zauberberg

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Die Bevölkerung und die Regierung erwarten von Finanzminister Schäuble Rationalität. Trotzdem stellt er vieles schlimmer dar als es ist

Kolumne von Bettina Röhl

Statt am Schreibtisch zu büffeln, jetten Spitzenpolitiker in der Eurokrise von einem Kongress zum nächsten. Dabei produzieren sie fatale Gruppendynamiken und erleiden eine gefährliche Gesichtsfeldverengung.

Wirtschaft ist Psychologie und Finanzmanagement ist Psychologie. Das ist so wahr wie banal. Das macht die Wirtschaftswissenschaften selber in einem gewissen Grad zu Psychoveranstaltungen, um es etwas überzogen auszudrücken. Die Wirtschaftswissenschaften sind gleich anderen Geisteswissenschaften fast lupenreine Kapazitätenwissenschaften. Will sagen: Der oder jener berühmte Wirtschaftsprofessor oder gar Wirtschaftsnobelpreisträger oder Wirtschaftsweise begründet diese oder jene neue Denkschule oder Lehrmeinung und schon zieht ein ganzer Schwarm von Gelehrten oder Möchtegern-Gelehrten, von Politikern und Journalisten im Kielwasser der neuen Meinung seine Bahnen.

Immer wieder schön zu hören wenn von der Fußsohle bis in die letzte Haarspitze perfekt durchgestylte Rationalisten wie zum Beispiel der Bundesfinanzminister, der sich gern als Solcher gibt, diese Weisheit von der Rolle der Psychologie in der Wirtschaft verkünden. Allerdings: Schäuble, der angesichts der Eurokrise und der wirtschaftlichen Gesamtlage zurzeit der mit Abstand wichtigste Minister in der Regierung ist, betreibt mit dem Hinweis auf den hohen Psychologie-Anteil in der Wirtschaft Publikumstäuschung. Er setzt nämlich gezielt darauf, und da unterscheidet er sich von anderen Vertretern der politischen Klasse nur durch seine derzeit herausgehobene Stellung, den in der Sache regelrecht abwegigen Eindruck zu erzeugen, dass er, dass die Politiker und die Politik beinhartes Realitätsmanagement betreiben.

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Beinhartes Realitätsmanagement?

Schäuble verkauft sich als ein faktenbasierter Politiklenker, dessen Entscheidungen zwingend "alternativlos" seien. Um nicht allzu unsympathisch zu wirken, erwähnt er gelegentlich die Alternativen, die keine seien, und spricht davon, dass er auch keine Garantie geben könne. Doch dies alles bleibt stets bloße Worthülse.

Immer wieder betont Schäuble, dass ein Ausschluss Griechenlands das weltweite Vertrauen in den Euro erschüttern und einen Dominoeffekt zu Lasten zum Beispiel Portugals, Spaniens oder gar Italiens auslösen würde. Und neuerdings propagiert er etwas bizarr und ultimativ, dass der Euro nur durch eine politische Union, die Vereinigten Staaten von Europa, zu retten sei. Dagegen sei die Meinung der Euroskeptiker, die einen qualitativen Umbau des Euro befürworten, staatsgefährdender Humbug, ein Irrglaube und nur psychologisch zu erklärende Scharlatanerie.

Die Politik ist indes selber das Gebiet menschlicher und gesellschaftlicher Interaktion, das nahe 100 Prozent von Psychologie, von Träumen, Visionen, Ideen, Ideologien beherrscht wird. Über allem in der Politik schwebt die Psychologie und die Dynamik der Psychogramme der Individuen. Mit dieser These wird hier nicht behauptet, dass es keine Rationalität in der Politik gäbe, aber oft genug wird in der Politik mit Rationalitäten gehandelt, die eigentlich nur Etiketten für Psychologismen sind.

Und dann gibt es in der Politik auch noch das Prinzip des an sich ja durchaus wünschenswerten Karrierestrebens des Einzelnen.

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