kolumneBettina Röhl direkt: Schirrmacher zwischen Infantilität und Größenwahn

26. Februar 2013
Frank Schirrmacher auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2012 Quelle: dpaBild vergrößern
Frank Schirrmacher, Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sein neues Buch "Ego" ist ein Bestseller. Bettina Röhl hat das Werk genauer unter die Lupe genommen. Quelle: dpa
Kolumne von Bettina Röhl

Mit seinem neuen Bestseller "Ego" will Frank Schirrmacher - furchtbar ernst gemeint - mittels ganzer Armeen von Frankensteins, Draculas, Darth Vaders, Aliens und anderen Untoten nicht nur die Euro-und Finanzkrise erklären, sondern gleich die ganze Welt retten. Ein Offenbarungseid des deutschen Feuilletons.

Rhythmisch stößt der FAZ- Oberfeuilletonist Schirrmacher kleine Bücher aus, die nach den "informationskapitalistischen" Gesetzen des Journalismus zu mehr oder weniger erfolgreichen Verkaufsschlagern werden. Nach der Lektüre des neuesten Werkes "Ego" ist man allerdings geneigt zu witzeln, was soll schon dabei heraus kommen, wenn sich das Feuilleton mit der Realität befasst?

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Vielleicht war es der Untergang der Real-Politik, dass das sogenannte politische Feuilleton in Deutschland sich irgendwann schleichend, aber unheimlich anschwellend, öffentlich in den Vordergrund drängte. Fakten, Fakten, Fakten - wen interessiert das schon? Die Surrealität, also die wahre Wahrheit, die sich um die Realität einen Dreck schert, war plötzlich gefragt, mindestens im Feuilleton. Damit war dieser anmaßende unpolitische Politjournalismus plötzlich zum herrschenden Stammtisch der selbsternannten Eliten geworden.

Feuilletonistischer Stammtisch

Wer die Hoheit über dem feuilletonistischen Stammtisch hat, ist ein mächtiger Mann in dieser Gesellschaft. Wenn er dann auch noch über journalistische Arbeitsplätze und Karrieren unmittelbar oder mittelbar entscheiden kann, gibt es eine Gewissheit: allzu viele Medienkollegen in dieser Republik machen aus dem lauwärmsten und gequirltesten Unsinn (den so ein mächtiger Mann schreibt) ein intellektuelles Meisterwerk. Und das derart intensiv, dass genügend Bildungsbürger von dem wenig originellen Hirngespinst "Nummer 2" (einem sogenannten "ökonomischen Agenten", der als eine Art Alter Ego an jedem Menschen dran klebte) manipuliert werden und sich das gelobte Buch tatsächlich kaufen und in den Schrank stellen. Lesen im wirklichen Sinn des Wortes, kann man die großzügig beschriebenen 260 Seiten inklusive des Autors eigenem Vor und Nachwort (Appendix) praktisch nicht: zu schlecht geschrieben, zu wirr im Inhalt, zu assoziativ, viel zu alarmistisch, gelegentlich extrem unverständlich, blumig und über weite Strecken wahnbehaftet.

Der Irrsinn, den der Autor den Märkten und den Spielern auf den Märkten wiederholt attestiert, dürfte ein wesentliches Kennzeichen des Autors selber sein. Eine schier unübersehbare Menge von alten Hüten, sprich alten Ideen und Theoremen, stellt der Autor nebeneinander in sein Regal in der Attitüde als hätte da ein Genius einen "Stein der Weisen" nach dem anderen "Stein der Weisen" gerade eben in seinem Schreibzimmer aus den Tiefen seines Geistes heraus geholt. Wer Schirrmacher als den erfolgreichsten Plagiator der Bundesrepublik bezeichnet, könnte in der Sache womöglich recht haben, wenn auch nicht im juristischen Sinn.

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Kommentare | 21Alle Kommentare
  • 03.03.2013, 12:18 UhrKlarstellung

    @heine Fortführung

    ad 3:
    Ihre Kritik ‚Smartphones sind keine Kommunikationswege, sondern Kommunikationsendgeräte’ klingt nach ganz viel Sachverstand. In Wirklichkeit ist es Haarspalterei, denn jedem ist klar, was Röhl meint. Wenn Sie aber schon diese Haarspalterei betreiben und Ihren großen technischen Sachverstand hervorheben, dann sollten Sie eigentlich doch wissen, daß Smartphones ganz sicherlich keine Endgeräte darstellen, wenn die kleinen Kinder sie im Modus ‚Tethering und mobiler Hotspot’ betreiben.

    ad 4:
    Röhls richtige Feststellung "der Computer hat die Welt verändert" kritisieren Sie und bügeln dies als Journalistensprache ab. Mit der Weigerung, diese Aussage ohne Wenn und Aber anzuerkennen, dürften Sie auf dieser Welt wohl ziemlich allein dastehen.

  • 03.03.2013, 11:45 UhrKlarstellung

    @heine

    Nun gehen wir einmal so vor, wie dies in Naturwissenschaft und Technik üblich ist, auch wenn wiwo keine Wissenschaftszeitung ist:

    ad 1:
    Sie machen Röhl den ersten Vorwurf, daß sie den ‚Pfad der üblichen Rezension verläßt und sich mit der Person Frank Schirrmacher beschäftigen will.’

    Ein Blick in die Überschrift von Röhls Beitrag zeigt jedem Laien, daß Röhl explizit und im Kern genau dieses Ziel hat, nämlich über die Person S. zu schreiben. Eine Rezensionsabsicht kommt in der Überschrift nicht vor. Das Buch benutzt Röhl dabei nur als Beleg und für Beispiele, um die Person S. zu charakterisieren.

    Ihre Vorgehensweise ist also, Röhl eine gar nicht existierende Absicht (klassische Rezension) zu unterstellen, und dann zu bemängeln, daß sie diese nicht existierende Absicht (klassische Rezension) nicht erfüllt.

    ad2:
    Dann machen Sie Röhl den zweiten Vorwurf, daß ‚dass sie selbst unwissenschaftlich arbeitet’.

    Ein Blick in das Impressum und in die üblichen Beiträge von wiwo zeigt jedem Laien, der diese Inhalte in verständiger Weise zu würdigen weiß, daß wiwo kein Wissenschaftsorgan ist und daß Röhl somit absolut nicht das Ziel haben kann, über die Person S. eine wissenschaftliche Abhandlung zu verfassen.

    Auch hier ist Ihre Vorgehensweise erneut so, Röhl eine gar nicht existierende Absicht (wissenschaftliche Abhandlung) zu unterstellen, und dann zu bemängeln, daß sie diese nicht existierende Absicht (wissenschaftliche Abhandlung) nicht erfüllt.

    Beide Methoden ad 1 und ad2 sind nicht unbekannt. Man denkt sich für sein Gegenüber eine x-beliebige Absicht aus, unterstellt dem Gegenüber dann diese Absicht (obwohl er sie gar nicht hat), kritisiert, bemängelt oder verteufelt dann diese gar nicht existierende Absicht und hofft darauf, daß der unbeteiligte Zuhörer nicht merkt, daß die kritisierten Absichten nie bestanden haben.

    Hätten wir uns in Naturwissenschaft und Technik jemals solch einer Unlogik bedient, gäbe es bis heute noch keine Null.

  • 02.03.2013, 22:38 UhrTraumschau

    @Pfeffer
    Mhh, sind Sie sicher? Ich habe in Erinnerung, dass Nietzsche von einem "Übermenschen" sprach. Das Bild von dem Adler, der über den Dingen schwebt und quasi alles aus einer gehobenen Perspektive sieht, dürfte den meisten Menschen geläufig sein (Zarathrustra). Dieser hat leider nicht verstanden was ihm selbst widerfuhr: Erleuchtung, zumindest eine Stufe der Erleuchtung. Das ist auch der Grund, warum es so wenige Menschen gibt, die diesen herausragenden Philosophen verstehen. Frau Röhl vermutlich nicht ... Die Nazis auch nicht, die Nietzsche für ihre menschenverachtende Ideologie missbraucht haben. Aber ich schweife ab ... Naja, vermutlich sind wir wohl alle weit davon entfernt, die Dinge "von oben" betrachten zu können. Deshalb ist die Rezension m.E. absolut unterirdisch, weil sie zudem zeitweilig persönlich wird! Das ist unprofessionell, Frau Röhl!

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