Bildung: Finanz-Verwirrung beim Bologna-Gipfel

Bildung: Finanz-Verwirrung beim Bologna-Gipfel

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Studenten in der Universität in Kassel

Die Bundesregierung will zwei Milliarden Euro für zusätzliche Uni-Dozenten und Professoren ausgeben. Doch ob sich die Länder angesichts klammer Kassen an dem Programm beteiligen, bleibt offen. Beim Bologna-Gipfel in Berlin gerät die Hochschulfinanzierung in den Sog der Haushaltsdiskussion.

Annette Schavan (CDU) hat ein Händchen fürs Timing. Die Bundesbildungsministerin hat ihre freundlichen Worte gesprochen und das Podium dank drängender Termine längst schon wieder verlassen, als sich das Bild eintrübt, das bei ihr noch so makellos strahlte.

Bologna-Gipfel in Berlin. Es ist die Konferenz, die Schavan, die Hochschulen und Länderminister den Studierenden versprochen hatten, als diese im Herbst 2009 zu Tausenden auf die Straßen gingen, um gegen überzogenen Lernstress und schlechte Betreuung in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen zu demonstrieren. Schon bald sahen sich die Protestierenden von Unterstützern umzingelt. Die Kultusminister lenkten ein und versprachen Kurskorrekturen bei der umstrittenen Bologna-Reform. Gestraffte Lehrpläne, einfacherer Uniwechsel und weniger Prüfungen sollten die Studenten entlasten. Auch Schavan selbst räumte Probleme bei der Umsetzung der Reform ein und unterstützte offensiv Verbesserungen. Nach einigen Monaten sollte eine erste Bilanz gezogen werden.

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Heute war dieser Tag gekommen. Für die Ministerin ein guter: „Ab heute werden alle an einem Strang ziehen“, sagt sie nach der mehrstündigen Konferenz. Vor allem aber eines will Schavan loswerden: Es gibt - Schuldenbremse hin, Sparvorschläge von Hessens Ministerpräsident Roland Koch her - mehr Geld für die Hochschulen. 200 Millionen Euro pro Jahr werde der Bund bis 2020 ausgeben, um die Lehre an den Unis zu verbessern; insgesamt zwei Milliarden Euro für einen „Qualitätspakt Lehre“. Konkret solle eine „Akademie für Lehre und Lernen“ entstehen, welche die Fördermittel in Zukunft vergeben könne. Der Bund komme für 90 Prozent der Kosten auf, die Hochschulen für die restlichen zehn, sagt Schavan.

Dann ist sie weg, aber die Fragen bleiben. Im Vorfeld des Gipfels hatten die Unirektoren unablässig für mehr Geld getrommelt. Die Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz, Margret Wintermantel, sieht sich nun bestätigt. Der eigentliche Geburtsfehler sei weniger die Reform als solche, sondern die jahrzehntelange Unterfinanzierung der Hochschulen, argumentiert sie. Schlechte Lehre habe vor allem mit zu wenigen Dozenten und Professoren zu tun, nichts mit Studienordnungen. Die wenig überraschende Forderung: Mehr Geld! Wintermantel hätte also zufrieden sein können.

Studenten sind enttäuscht

Doch die finanzielle Beteiligung der Hochschulen an der Akademie irritiert sie sichtlich. Die zehn Prozent „kommen nicht aus der Hochschule“, widerspricht sie Schavan auf offener Bühne. Doch die ist zu diesem Zeitpunkt schon weg. Einen „Schuss Pragmatismus“ nennt der Bildungsminister von Sachsen-Anhalt, Jan-Hendrik Olbertz, das eigenwillige Modell: Eine Beteiligung der Hochschule könne eventuell durch Landesmittel ausgeglichen werden, überhaupt handele es sich bei den Uni-Etats ja bereits um Geld der Länder. Es sind beschwichtigende Wort für ein gravierendes Problem: Die Ministerpräsidenten wollen angesichts leerer Kassen keine weiteren Ausgaben für Bildung mehr tätigen. Also lautet der Deal: Schavan darf ihr Prestige-Projekt trotz föderaler Länderhoheit durchziehen, dafür müssen die Ministerpräsidenten nicht in ihre eigenen Taschen greifen. Der Eindruck bleibt: Noch wissen Bund, Länder und Hochschulen noch gar nicht richtig, wie die praktische Umsetzung der Lehroffensive aussehen soll. Der Gipfel wird zum Schaufenster.

Diejenigen, die die ganze Konferenz erst ausgelöst haben, gehen im zusammengeschusterten Akademie-Wirbel fast unter. Entsprechend ernüchternd fällt ihr Kommentar aus: „Die Konferenz war mehr als unbefriedigend“, klagt Erkan Ertan von der Juso-Hochschulgruppe. Die entscheidenden Akteure hätten sich einfach zurückgelehnt und nicht hinreichend mit den Studenten diskutiert. „Wenn man so eine Konferenz macht, sollte man sich vorbereiten. Das war hier offensichtlich nicht der Fall“, stimmt Anja Graf-Gadow vom Freien Zusammenschluss der Studentenschaften ein. Zwei Studenten vom „Bündnis Bildungsstreik“ verlassen gar aus Protest die Sitzung. Einzig Stefan Holz vom Ring Christlich-demokratischer Studenten lobt vorsichtig: Die Konferenz sei ein Erfolg gewesen. Sie habe mehr gebracht, als er erwartet habe.

Faktisch gibt es wenig Zweifel: Bologna ist längst die Realität für deutsche Studierende. Fast 11.000 Bachelor- und Masterstudiengänge gibt es mittlerweile in Deutschland - 81 Prozent aller Fächer sind damit umgestellt. Und von den verbleibenden Studiengängen sind die große Mehrzahl staatliche Abschlüsse, etwa das juristische Staatsexamen. Selbst wenn die Rektoren wollten – hier können sie die Umstellung nicht selbst durchführen.

Auch die inhaltliche Bilanz fällt für Bachelor und Master zunehmend positiv aus: Vor allem beim Arbeitsmarktbezug geben viele Studierende den neuen Abschlüssen bessere Noten als den bisherigen, ergab eine aktuelle Erhebung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE). „Vielfach sehr positive Entwicklungen“ beobachtet CHE-Experte Frank Ziegele. Tatsächlich suchen Bachelor-Absolventen nicht länger nach einem Job als Diplomanden, fanden Forscher des Kasseler Hochschul-Instituts INCHER heraus.

Die Studienreform, sagt Jan-Hendrik Olbertz am Ende versöhnlich, sei ein bisschen wie die Arbeit der Kölner Dombauhütte. Zu tun gäbe es immer etwas. Deshalb findet die Bologna-Konferenz ab jetzt jährlich statt. Bleibt zu hoffen, dass Olbertz mit seinem Vergleich nicht Recht behält: Der Bau des Kölner Doms dauerte über 600 Jahre.

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