Ludger Wößmann: Wir müssen die Schulen schnell digitalisieren

InterviewBildung: Ludger Wößmann: Wir müssen die Schulen schnell digitalisieren

Die Bundesregierung hat Ländern und Kommunen Milliarden für marode Schulen in Aussicht gestellt. Doch Geld alleine wird nicht helfen. Bildungsökonom Ludger Wößmann erklärt, worauf es nach der Wahl wirklich ankommt.

Herr Wößmann, in einer neuen Studie zeigen Sie: Die Bevölkerung sieht die Politik beim Thema Bildung in der Pflicht. Vier von fünf Deutschen wollen, dass der Bund alle Schulen mit schnellem Internet und Computern ausrüstet.
Ludger Wößmann: Hier ist zunächst einmal die Zuständigkeit ein Problem: Bildung ist laut Grundgesetz Ländersache. Aber es gibt ja schon Initiativen: Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat ein großes Digitalprogramm aufgelegt...

Zur Person

  • Ludger Wößmann

    Seit 2004 leitet Ludger Wößmann das Zentrum für Bildungsökonomik am Münchner ifo Institut. Der Professor für Volkswirtschaftslehre zeigt in seinen Studien vor allem, wie wichtig Bildung für den wirtschaftlichen Wohlstand eines Landes ist. Die Ökonomenvereinigung Verein für Socialpolitik (VfS) hat ihn dafür kürzlich mit dem renommierten Gustav-Stolper-Preis ausgezeichnet.

...fünf Milliarden Euro, um die Schulen digital auszustatten.
Das ist schon eine Hausnummer, wenn man bedenkt, dass der Staat insgesamt pro Jahr rund 60 Milliarden Euro für die Schulen ausgibt. Nur ist es fast ein Jahr her, dass sie das angekündigt hat. Sie hat sich immer noch nicht mit den Bundesländern geeinigt, wie das überhaupt vonstattengehen soll. Es ist auch noch gar nicht im Bundeshaushalt für das nächste Jahr eingestellt. Die Digitalisierung verändert unser Leben viel schneller, als dass wir es uns erlauben könnten, Jahre darüber zu reden, wie wir das überhaupt anpacken können. In den Koalitionsverhandlungen nach der Wahl muss das nach ganz oben. Und selbst dann besteht immer noch die Gefahr, dass das Geld bei den Ländern anderswo verschwindet und gar nicht dort ankommt, wo es hilft: bei den Lehrern und Schülern.

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Gibt es weitere Bereiche, in denen ein stärkeres Engagement des Bundes sinnvoll wäre?
90 Prozent der Deutschen wollen, dass wir bundesweit einheitliche Abschlussprüfungen haben. Das halte ich auch für ein sehr wichtiges Thema. Darauf könnten sich die Bundesländer leicht per Staatsvertrag einigen, das ginge trotz Verbots einer Kooperation mit dem Bund.

Stefan Reccius ist seit Juli 2017 Volontär an der Georg von Holtzbrinck-Journalistenschule. Er studierte in Mainz, dem schwedischen Umeå und Kiel Politikwissenschaft und internationales Recht. Nebenbei arbeitete er für die FAZ, war für das ZDF und die Deutsche Welle in Washington tätig. Quelle: Presse

Stefan Reccius ist seit Juli 2017 Volontär an der Georg von Holtzbrinck-Journalistenschule. Er studierte in Mainz, dem schwedischen Umeå und Kiel Politikwissenschaft und internationales Recht. Nebenbei arbeitete er für die FAZ, war für das ZDF und die Deutsche Welle in Washington tätig.

Bild: Presse

Es ist absehbar, dass beim Kooperationsverbot auf Jahre hinaus Stillstand herrschen wird: Es sind die Unionsparteien, die sich sträuben, es aufzuheben.
Es bleibt der Bevölkerung nur, mehr Einheitlichkeit einzufordern, damit wir insgesamt die Qualität im Bildungssystem verbessern. Bundeseinheitliche Abschlussprüfungen etwa sind auch wichtig für einen fairen Hochschulzugang. Dort wird im Moment so getan, als wären die Abiturnoten deutschlandweit vergleichbar. Es geht gar nicht darum, die Bildungspolitik vollständig zu vereinheitlichen. Aber wir brauchen mehr Vergleichbarkeit. Ein anderes Beispiel: Viele Bundesländer haben mittlerweile nur noch eine weiterführende Schule neben dem Gymnasium – nur hat die in jedem Land einen anderen Namen und auch eine gewisse andere Ausrichtung bekommen. In einer globalisierten Welt ist das besonders unzufriedenstellend.

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Forscher der Bertelsmann-Stiftung warnen vor einem bislang nicht vorhergesehenen Schüler-Boom: Spätestens 2030 dürften deswegen Zehntausende Lehrer fehlen. Panikmache oder Weckruf zur rechten Zeit?
Das ist schon ein Weckruf. Auch wenn es nur grobe Schätzungen sind: Die Zahlen geben her, dass die Geburtenraten in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Das ist etwas, auf das die Politik reagieren muss. Wir sehen schon jetzt in vielen Bundesländern, dass eigentlich nicht genügend ausgebildete Lehrer vorhanden sind.

SPD, Grüne und Linke fordern einen Ausbau der Ganztagsschulen. Was ist vor dem Hintergrund des Lehrermangels davon zu halten?
In diesem Bereich sieht man, dass sich in den vergangenen zehn Jahren durchaus etwas verändert hat in den Schulen. Für die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie – ein sinnvolles Ziel – ist das gut. Viel weniger wird aber an etwas anderes gedacht: Wie können auch die Kinder und Jugendlichen davon profitieren? Im Moment ist es in der Regel so: Klassischer Vormittagsunterricht, mittags ein warmes Essen und dann ein irgendwie anders geartetes Nachmittagsprogramm, das nicht mal hauptsächlich ausgebildete Lehrer gestalten. Das große Potenzial von Ganztagsschulen liegt aber in einem anderen Rhythmus: Lernzeiten auf der einen und Ausgleichszeiten auf der anderen Seite müssen stärker über den Tag verteilt werden. Das wird bislang nahezu gar nicht umgesetzt.

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