Bildungsökonom Wößmann : Drei Billionen Euro verspielt

Bildungsökonom Wößmann : Drei Billionen Euro verspielt

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Bildungsökonom Ludger Wößmann

Der Bildungsökonom Ludger Wößmann über gute Schulpolitik und das deutsche Versagen bei der Chancengleichheit.

WirtschaftsWoche: Herr Wößmann, die Bildungspolitik konzentriert sich hierzulande auf Hochschulen. Reden wir zu wenig über Schulen?

Wößmann: Allerdings, und das ist falsch. Schule und Hochschule sollten zwar nicht gegeneinander ausgespielt werden. Aber die Erträge von Bildungsanstrengungen sind umso höher, je früher sie getätigt werden. Dieses Potenzial verschenken wir, wenn wir uns nicht stärker um die Schulen kümmern.

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Wo stehen unsere Schulen international?

Von der Leistung her dümpeln wir im Mittelfeld. Ebenso wichtig ist aber, dass Deutschland weiterhin zu den Ländern gehört, in denen die soziale Herkunft am stärksten über Bildungserfolge entscheidet. Bei der Chancengleichheit sind wir unterdurchschnittlich. Das bleibt das große Versäumnis deutscher Politik.

Das bedeutet für unser gegliedertes Schulsystem...

...dass wir ideologische Grabenkämpfe beenden müssen. Der Sachverständigenrat und der Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums – beides nicht gerade Horte linker Kampfparolen – sprechen sich explizit für längeres gemeinsames Lernen aller Schüler aus. Chancengleichheit ist notwendig für die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft. Für zu viele Schüler ist der Zug aber schon abgefahren.

Sie plädieren also für das Ende der Dreigliedrigkeit?

Ganz klar. Zwei Drittel der Industrieländer machen es anders– mit besseren Ergebnissen.

Würde diese Umstellung denn reichen?

Nein. Wir brauchen zusätzlich Leistungskontrollen und klar definierte Lernziele, um das Niveau zu erhöhen. Erfolgreiche Länder machen beides: Sie trennen ihre Schüler gar nicht oder später, und sie haben klare Ansprüche, was gelernt werden soll. Wir dagegen fördern gerade nicht die individuellen Begabungen vieler, sondern in erster Linie Kinder aus bessergestellten Haushalten.

Ist die Hauptschule die große Verliererin?

Nicht überall, da muss man nach Regionen unterscheiden. Aber wenn durchschnittlich nur noch zehn Prozent eines Schülerjahrgangs die Hauptschule besuchen, wird den Kindern dort die Zukunft verbaut. Eine Perspektive auf Ausbildung bieten sie dann nur selten.

Was kostet uns dieses Versagen?

Der Politik ist noch nicht bewusst, dass wir hier unsere Zukunft verspielen. Es geht nicht um Peanuts, sondern um gewaltige Summen – nach meiner Berechnung um fast drei Billionen Euro in der Lebensperspektive eines heute geborenen Kindes. Aber dafür müsste die Politik sehr langfristig und nachhaltig denken – wie beim Klimaschutz.

Müsste sie auch mehr Geld in die Schulen stecken – oder doch etwas anderes?

Mehr Geld bringt erst mal erstaunlich wenig. Wir brauchen mehr Selbstständigkeit. So entsteht Wettbewerb um bessere Ideen, auch zwischen öffentlichen und freien Trägern. Mehr Geld benötigt vermutlich die frühkindliche Bildung, wo zu viel von betuchten Eltern bezahlt wird und zu wenig öffentlich. Da wären wir wieder bei fehlender Chancengleichheit.

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