Bildungspolitik: Akademisierungswahn gefährdet berufliche Bildung

AnalyseBildungspolitik: Akademisierungswahn gefährdet berufliche Bildung

von Ferdinand Knauß

Jeder soll studieren können. Jahrelang haben deutsche Bildungspolitiker das gepredigt und so Bildungszertifikate geschwächt. Dieselben Politiker wollen nun die Berufsbildung retten. Das kann kaum gut gehen.

Wer mal in einer Pressestelle oder in einer PR-Agentur gearbeitet hat, weiß: Wenn die harten Fakten und die Folgen der eigenen Taten wenig erfreulich sind, muss man stattdessen Wunschvorstellungen propagieren.

Die Pressestelle des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat das bei der Vorstellung des Berufsbildungsberichts mustergültig vorexerziert: „Top-Chancen auf Ausbildung“ heißt es in einer Pressemitteilung aus Anlass der Veröffentlichung des Berufsbildungsberichts. Die vom "Spin" des Ministeriums befreite Nachricht lautet: Immer weniger junge Menschen machen eine Ausbildung. Etwa 510 900 junge Menschen schlossen 2016 einen neuen Ausbildungsvertrag ab, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) am Mittwoch meldete. Das waren 1,1 Prozent weniger als 2015 und ein neuer Tiefstand seit der Wiedervereinigung. „Dieser schon in den Vorjahren rückläufige Trend ist maßgeblich auf die demografische Entwicklung in der für die duale Ausbildung typischen Altersgruppe sowie auf eine höhere Studierneigung bei den Schulabsolventinnen und -absolventen mit Hochschulreife zurückzuführen“, meldet Destatis.

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Knauß kontert Die Bildungsökonomie bringt der Bildungsnation Deutschland den Ruin

Josef Kraus kann es nicht lassen. Der frühere Präsident des Lehrerverbands rechnet in seinem neuen Buch wütend mit den Bildungsreformern ab. Recht hat er.

Der Untergang des deutschen Bildungssystems. Quelle: dpa Picture-Alliance

Woher kommt aber diese „höhere Studierneigung“? Die Antwort: Weil eine große Allianz der mit Bildungspolitik Befassten – BMBF natürlich eingeschlossen – jahrzehntelang jungen Menschen und deren Eltern die Botschaft verkündet hat, dass erst mit dem Abitur ein lebenswertes Leben, nämlich eines als „Akademiker“, möglich ist.

Die Geschichte dieser verheerenden Allianz, in der die Bildungsökonomen der OECD und der Bertelsmann-Stiftung einer völlig orientierungslosen Politik den Ton vorgaben, kann man bei Lehrerverbandschef Josef Kraus („Wie man eine Bildungsnation an die Wand fährt“) und beim Philosophen Julian Nida-Rümelin („Akademisierungswahn“) nachlesen.

Das unverzichtbare Mittel zur Steigerung der Abiturienten- und in der Folge auch Akademikerquoten – 1995 studierten laut Destatis 25,8 Prozent eines Jahrgangs, zwanzig Jahre später 55,7 Prozent – war die Absenkung der Hürden für Bildungszertifikate. Wie auch sonst wäre zu erklären, dass es nicht nur immer mehr Abiturienten gibt, sondern sie auch immer besser benotete Zeugnisse erhalten? Allein in Berlin hat sich die Zahl der Abiturzeugnisse mit einem Notendurchschnitt von 1,0 innerhalb von zehn Jahren vervierzehnfacht. In anderen Bundesländern ist die Tendenz ähnlich. Außer den verantwortlichen Schulpolitikern wird wohl kein Mensch, der ein halbwegs realitätsnahes Bild vom Menschen an sich und von Schülern im Besonderen hat, annehmen, dass diese Zunahme durch gestiegene Intelligenz oder geniale neue Unterrichtsmethoden zu erklären wäre.

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