Bildungspolitik: Probleme im Pisa-Vorzeigeland Bayern

Bildungspolitik: Probleme im Pisa-Vorzeigeland Bayern

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Technische Universität in Garching bei München: im Kreis der ersten deutschen Eliteuniversitäten

Im Pisa-Vorzeigeland Bayern schaffen es zu wenig Schüler an die Universität – und die Kritik an der G8-Reform wächst.

Es kommt nicht oft vor, dass dem bayrischen Ministerpräsidenten das Mikrofon abgedreht wird. Gerade hatte Günther Beckstein den 2500 Demonstranten in der Nürnberger Innenstadt noch zugerufen: „Wir können selbstbewusst sagen, dass Bayern von allen Bundesländern die beste Bildungspolitik hat.“ Da gingen seine Worte in gellenden Pfiffen und Buhrufen unter. Die Veranstalter – ein breites Bündnis aus 30 Aktionsgruppen, darunter der Lehrer- und der Philologenverband – schnitten dem Regierungschef kurzerhand das Wort ab. Beckstein antwortete nun seinerseits mit wütenden Tiraden gegen die „linken Demonstranten“.

Was ist los in Bayern, das eben noch Schlagzeilen machte, weil seine Schüler bei der Pisa-Studie hervorragend abgeschnitten hatten? Bildung ist derzeit ein Reizwort zwischen Tegernsee und Frankenwald. Wütende Wähler straften die CSU bereits bei den Kommunalwahlen im März ab. Besonders sauer sind viele Bayern über das „G8“. Seit dem Schuljahr 2004/05 machen die Schüler ihr Abitur schon nach der 12. Klasse. Doch landesweit sind sich Eltern, Schüler und Lehrer einig: Die Reform wurde überstürzt und dilettantisch durchgeführt, der Leistungsdruck hat zugenommen, die Schulen sind zum größten Teil nicht für den Ganztagsunterricht ausgestattet. Die Demonstranten in Nürnberg forderten daher eine „gründliche Überarbeitung des Konzepts“, mehr Ganztagsschulen und einen späteren Wechsel von der Grundschule auf die weiterführenden Schulen.

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SPD und Grüne weisen auf Missstände im Bildungssystem hin

Die Opposition freut sich. Endlich hat sie ein Thema gefunden, mit dem sie versucht, die CSU in die Enge zu treiben. So tingeln einige Landtagsabgeordnete der SPD derzeit als Kabarett-Gruppe durch die Provinz. „Hohn und Spott“ heißt die Truppe. „Wenn die Schüler in Bayern wirklich so gut im Rechnen sind, könnte die nächste Pisa-Aufgabe lauten: Wie viele Transrapid-Züge muss Bayern pro Jahr sparen, um die Verluste der Landesbank wettzumachen?“, witzeln die Sozialdemokraten. Und ziehen damit nicht nur das „Magnetbahnerl“ durch den Kakao, sondern den Stolz der CSU auf ihre Wirtschaftspolitik gleich mit. SPD und Grüne nutzen außerdem die Gelegenheit, um andere Missstände im Bildungssystem anzuprangern.

Zum Beispiel diesen: Bayern ist bundesweit das Land mit der niedrigsten Abiturientenquote pro Jahrgang. Sie lag zuletzt bei 19,2 Prozent, in anderen Bundesländern werden mehr als 30 Prozent erreicht.

CSU-Politiker erwidern auf solche Vorwürfe allerdings, ein Realschulabschluss in Bayern sei so viel wert wie woanders ein Abitur. Und: „43 Prozent der Hochschulzugangsberechtigten gehen den Weg über die berufliche Bildung“, sagt der CSU-Bildungsexperte Gerhard Waschler. „Nach der mittleren Reife haben sie den Zugang zur Berufsoberschule und danach zur Hochschule. Andere erwerben erst den Gesellenbrief, dann den Meisterbrief und sind damit berechtigt, an der Fachhochschule zu studieren“, erklärt der Professor an der Universität Passau. „Qualitativ ist das zehnmal hochwertiger als irgendein Billigabitur in irgendeinem norddeutschen Bundesland.“ Ein Sprecher des Kultusministeriums weist außerdem darauf hin, dass in Bayern immerhin fast so viele Studenten ihr Studium beenden wie im übrigen Land.

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