Blog Berlin Intern: Kabul und der Preis der Globalisierung

Blog Berlin Intern: Kabul und der Preis der Globalisierung

Mit dem Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan will die Koalition nicht belästigt werden. Deutsche Soldaten sollen nur ein bisschen kämpfen, für den Krieg sind andere zuständig.

Die militärische Kehrseite der Globalisierung trägt einen Namen: Afghanistan. Dieses Land versinnbildlicht, dass Deutschland nicht nur als Volk der Händler und Krämer von der internationalen Verflechtung profitiert, sondern dass wir für unseren Wohlstand auch einen Preis zu zahlen haben, einen blutigen Preis. Wir können nicht freie Handelswege, Zugang zu Ressourcen oder eine gewisse Stabilität in Anspruch nehmen, ohne selbst etwas dafür zu tun. Denn fällt Afghanistan wieder komplett in die Hände der Taliban und räumt die einst so mächtige Nato das Feld, dann zeigt der Westen seine ganze Hilflosigkeit. Die Folgen werden im ganzen Mittleren Osten sowie im Kampf gegen Terroristen und Diktatoren dieser Welt zu spüren sein.

Es war der sozialdemokratische Verteidigungsminister Peter Struck, der 2002 den Deutschen die unbequeme Wahrheit ihrer globalen Verantwortung verkündete: „Deutschlands Sicherheit wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Heute wollen nicht nur viele Sozialdemokraten davon nichts mehr wissen, sondern auch in der Union, der einstigen transatlantischen Partei, möchte man ungern darüber reden. Afghanistan ist nicht mehr unser, sondern Amerikas Krieg. Man klammert sich an den Bundeswehr-Auftrag im Norden Afghanistans, der zwar auch gefährlich ist und Opfer kostete, aber nicht mit dem zu vergleichen ist, was Kanadier, Briten und Amerikaner im südlichen Afghanistan erleben müssen.

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Dabei lügt man sich selbst an: Fällt der Süden, dann wird auch die deutsche Wiederaufbau-Mission im Norden nicht mehr zu halten sein. Und wenn die Deutschen mit ihrem so hochgelobten Ansatz größeren Erfolg als Briten und Amerikaner haben, dann spricht doch nichts dagegen, den anderen zu zeigen, dass man damit auch im Süden weiterkommt.

Stattdessen wiegt man die Bürger mit unehrlichen Formulierungen in Sicherheit, vermeidet Worte wie „Krieg“ und „Kampfeinsatz“ und will so glauben machen, die Bundeswehr sei „ein Technisches Hilfswerk mit Gewehr auf dem Rücken“, wie es der ehemalige Generalinspekteur Klaus Naumann kritisch formulierte. Nur ein Häuflein Aufrechter, darunter auch der SPD-Außenpolitiker Hans-Ulrich Klose, weisen darauf hin, dass Deutschland in Afghanistan keine Sonderrolle mehr in Anspruch nehmen könne. Wer soll eigentlich die deutschen Soldaten aus prekären Situationen herausholen, wenn Deutschland selbst bei unseren Verbündeten dazu nicht bereit ist?

Mit der Außenpolitik verhält es sich wie mit der Wirtschaftspolitik: Politische Führung zeigt sich nicht im Verschweigen, sondern im Äußern von unbequemen Wahrheiten.

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