Blog Chefsache: Frühling in D.

Blog Chefsache: Frühling in D.

Auf dem Weg zur Arbeit konnte ich dieser Tage in Düsseldorf beobachten, wie Bäckermeister Josef Hinkel einer behinderten Dame über die Straße half, nachdem sie bei ihm für 60 Cent zwei Brötchen gekauft hatte. Sieht so das kalte und graue Deutschland aus, das so oft beklagt wird?

Es gibt offensichtlich auch ein anderes Deutschland, in dem die bunte Heiterkeit des Frühlings vielfach Einzug hält, dank der Klimaerwärmung früher als erwartet. „Der Bauer ist bei Frauen wieder heiß begehrt, denn seine Milch hat wieder Wert.“ Diesen Spruch habe ich auf einem Faschingswagen in der oberbayrischen Milchproduktionszone gelesen – wer hätte uns so viel Selbstironie zugetraut?

Deutschland ist ein Land, in dem erstaunlich viel gut funktioniert. Ja, auch die schnellen Züge der Bahn sind meist pünktlich, und doch regen wir uns über einen einzigen verspäteten ICE auf, während wir 100 pünktliche nicht weiter erwähnen. Das Misanthropische und Faustische in uns macht uns unzufrieden und stachelt zu diesem verbiesterten Ehrgeiz an, das Letzte herausholen zu wollen aus dem kaum mehr Steigerbaren. Gewiss, Bürokratie kann uns zum Wahnsinn treiben. Aber schon mal versucht, mit einem amerikanischen Amt zu verhandeln? Meine Sachbearbeiter auf dem Finanzamt Frankfurt II sind erstaunlich hilfsbereit beim Weg durch den Paragrafendschungel, auch wenn sie mir Grausamkeiten nicht ersparen (können): Dieses Land ist nicht korrupt, abgesehen von Einzelfällen, die wir in unserem Perfektionswahn für das Ganze nehmen.

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Die Gerichte funktionieren, die jungen Polizisten und erst die Polizistinnen sind fix, kompetent und lässig: In München war zu sehen, wie sie einem derangierten, bedauernswerten Penner eine Leberkäs-Semmel und eine Flasche Bier schenkten – solch ein Umgang mit denen am Rand der Gesellschaft ist Ausweis wahren Bürgersinns. Wir wollen die Probleme der Integration nicht verschweigen. Aber: Die Banlieues in Paris und Lyon oder Städte wie Manchester sind auch nicht gerade Vorbilder. Menschen auf hölzernen Krücken wie in den USA sind hierzulande wegen der vorbildlichen medizinische Versorgung nicht zu sehen.

Irgendwie schaffen wir es, dieses hohe Niveau trotz aller so oft beklagten Malaisen und wachsender globaler Konkurrenzen aufrechtzuerhalten. Sind das die viel zitierten deutschen Eigenschaften, diese ungeheuren Kräfte, die den Laden trotz alledem vorantreiben? Und dennoch droht eine schleichende Veränderung. Die Vertrauensbasis in die soziale Marktwirtschaft bröckelt. Während die Gesellschaft oberflächlich noch funktioniert, erodiert das zu- grunde liegende soziale Kapital. Ludwig Erhard konnte mit Verweis auf immer prallere Portemonnaies die Sinnfragen, die auch im Wirtschaftsleben gestellt werden, noch beantworten.

Heute versagen Deutschlands Manager dabei, ihre Entscheidungen zu erklären, und manche halten das sogar für überflüssig: Als ob sie, mit der Fabrik auf dem Kamel, einfach weiter und immer weiter dorthin ziehen könnten, wo gerade die Standortbedingungen besser sind. So kommt es in diesen Monaten zu einer gefährlichen Spaltung (siehe Seite 22): Die Wirtschaft gegen die Politik – weil die Wirtschaft erwartet, dass die Politik Reformen hinfummelt, für die sie aber selbst in den Wirtshaussälen und Talkshows nicht kämpfen will. Politiker wiederum schielen auf die aus ihrer Sicht überzogenen Gehälter. Mit Streit können wir anscheinend nicht umgehen: Seit Luthers Bekenntnis „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ sind Kompromisslosigkeit und Selbstdestruktion verschwistert.

So droht das Gefühl für die gemeinsame Verantwortung verloren zu gehen. Aber diese Entfremdung hält das Land nicht aus. Nehmen wir uns ein Beispiel am hilfreichen Bäcker.

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