Böse Überraschungen: Bundesumweltministerin Hendricks besucht die Asse

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Böse Überraschungen: Bundesumweltministerin Hendricks besucht die Asse

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Nach ihrem Besuch im maroden Atommülllager Asse macht Bundesumweltministerin Barbara Hendricks Hoffnungen, dass die notwendige Rückholung des Mülls möglich sei

von Cordula Tutt

Das marode Atommülllager in Niedersachsen zeigt sich als abschreckendes Beispiel für die anstehende Suche nach einem Endlager für stark strahlenden Müll.

In 700 Metern Tiefe fasst Matthias Ranft die Lage zusammen. Der Chef des Bohrungsbetriebs im maroden Atommülllager Asse nahe Braunschweig beschreibt, was seinen Leuten bei den bisherigen Versuchen begegnete, die Müllfässer aus den Kammern des ehemaligen Salzstocks zu finden und zu begutachten: "Das waren lauter böse Überraschungen." Der Berg hat die Kammern verschoben und verzogen, in die bis weit in die 1970er Jahre hinein verstrahlter Atommüll gebracht wurde. Wasser sickert durch Risse. Und keiner weiß genau, was überhaupt versenkt wurde. Das hört sich Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) an, die heute am Dienstag erstmals die Asse besucht. Dort im östlichen Niedersachsen liegen Fässer mit rund 47.000 Kubikmetern schwach- und mittelradioaktivem Müll. Vielleicht 126.000 Fässer.

Die Fachleute vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) wie Ranft wissen nicht genau, wo und wieviel der Abfälle unter Tage lagern. Es hat sich herausgestellt, dass vieles falsch ausgewiesen wurde, was Forschungseinrichtungen und Firmen in der Tiefe versenkten. Was strahlt also wie stark, welche Fässer sind noch ganz, welche zerquetscht oder durchgerostet? Schließlich sickern täglich rund 12.000 Liter Wasser aus dem Gestein.

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Die lange Suche nach einem Atommüllendlager

  • 1976

    Am 11. November 1976 bringt der niedersächsische Wirtschafts- und Finanzminister Walther Leisler Kiep (CDU) laut eigenen Aufzeichnungen Gorleben ins Spiel. Zuvor waren die Salzstöcke Wahn, Lutterloh und Lichtenhorst (alle Niedersachsen) favorisiert worden.

  • 1977

    Die niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU) beschließt, in Gorleben an der Grenze zur damaligen DDR ein nukleares Entsorgungszentrum zu gründen. Ein transparentes Auswahlverfahren fehlt - die Hoffnung ist auch, dass der arme Kreis Lüchow-Dannenberg durch Investitionen der Atomindustrie einen Aufschwung erfährt.

  • 1980

    Tiefbohrungen beginnen, um den Salzstock auf seine Eignung als Atommüllendlager zu erkunden.

  • 1982

    Die Bauarbeiten für das oberirdische Zwischenlager Gorleben starten. Es liegt nur einige hundert Meter entfernt vom Salzstock.

  • 1983

    Die Erkundung des Salzstocks unter Tage beginnt. SPD und Grüne werfen der Regierung von CDU-Kanzler Helmut Kohl vor, politischen Einfluss bei der Durchsetzung von Gorleben genommen zu haben. 2010 wird dazu ein Bundestags-Untersuchungsausschuss eingerichtet.

  • 1995

    Von massiven Protesten begleitet, trifft im oberirdischen Zwischenlager der erste Castor-Behälter mit Atommüll ein.

  • 1999

    Nach dem Regierungswechsel richtet Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AK End) ein. Er soll Ideen für ein neues Suchverfahren entwickeln.

  • 2000

    Im Atomkonsens vereinbart die rot-grüne Bundesregierung mit den Stromversorgern den Ausstieg aus der Kernenergie. Die Erkundung in Gorleben wird bis spätestens 2010 ausgesetzt.

  • 2005

    Trittin legt einen Entwurf für ein Standortauswahlgesetz vor: In einem bundesweiten Verfahren sollen neben Gorleben auch andere Standorte untersucht werden. Die Neuwahl lässt den Plan scheitern.

  • 2005 bis 2009

    Nach der Wahl vereinbart die große Koalition, das Problem „zügig und ergebnisorientiert“ zu lösen. Während die Union an Gorleben festhält, fordert Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ein neues Auswahlverfahren. Es gibt keinen Fortschritt.

  • 2010

    Norbert Röttgen (CDU), Bundesumweltminister in der seit 2009 amtierenden schwarz-gelben Bundesregierung, teilt die Aufhebung des Erkundungsstopps mit. Gorleben habe weiter „oberste Priorität“.

  • Juni 2011

    Am 30. Juni 2011 beschließt der Bundestag den Atomausstieg bis 2022. Über Gorleben hinaus sollen andere Endlager-Optionen geprüft werden. Bayern und Baden-Württemberg zeigen sich offen für eine neue Suche.

  • November 2011 bis April 2012

    Bei zwei Spitzentreffen von Bund und Ländern gibt es Fortschritte. Eine Einigung scheint zum Greifen nahe.

  • Mai 2012

    Die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird für den CDU-Spitzenkandidaten Röttgen zum Debakel. Er wird von Kanzlerin Angela Merkel entlassen. Nachfolger wird Peter Altmaier (CDU).

  • Sommer bis Herbst 2012

    SPD und Grüne werfen Altmaier vor, eine Lösung zu verzögern - aber beide Parteien lähmen selbst den Prozess, weil sie uneinig sind, was den künftigen Umgang mit Gorleben betrifft.

  • September 2012

    Am 27. September 2012 weist Merkel vor dem Gorleben-Untersuchungsausschuss Vorwürfe zurück, sie habe in ihrer Zeit als Umweltministerin in den 1990er Jahren versucht, Gorleben als Endlager durchzudrücken.

  • Januar 2013

    Am 20. Januar 2013 gewinnt Rot-Grün die Landtagswahl in Niedersachsen, SPD und Grüne in Hannover wollen ein Aus für Gorleben durchsetzen.

  • März 2013

    Am 24. März 2013 gelingt Altmaier ein vorläufiger Durchbruch: Bis 2015 soll eine aus 24 Personen bestehende Enquetekommission Grundlagen und Vergleichskriterien für die Suche erarbeiten. Gorleben soll im Topf bleiben - Niedersachsen setzt aber auf ein rasches Ausscheiden. In einem Suchgesetz soll festgelegt werden, dass am Ende zwischen den beiden besten Optionen entschieden wird. Atommülltransporte in das Zwischenlager Gorleben soll es vorerst nicht mehr geben.

Bei der Probebohrungen seit dem Sommer 2012 stellten Ranfts Leute zudem fest, dass überall Risse im Salzgestein sind, dass die Decke im untersuchten Bereich bröselt und nicht mehr hält. "In der Umgangssprache würde ich sagen, wir wissen noch nicht, wie wir den Raum betreten sollen, dessen Decke nicht hält", beschreibt der Bergbau-Experte. "Pfeiler sind in dieser Tiefe nicht stark genug."

Politiker aller Parteien haben inzwischen gemeinsam ein Gesetz gezimmert, nach dem nun versucht werden soll, die Abfälle zurückzuholen und eine Verseuchung der Umgebung zu verhindern. Was früher offenbar sehr lax gehandhabt wurde, treibt das Bundesamt für Strahlenschutz nun zu umso größerer Sorgfalt. Doch Sicherheit kostet - Geld und vor allem Zeit. Niemand weiß, wie lange die betroffenen Teile des Salzstocks noch zugänglich sind und wann vielleicht die Nachbarschaft durch verstrahltes Wasser leiden könnte.

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