Boom and Bust: Die Krise wird ungemütlich

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WirtschaftsWoche-Redakteur Malte Fischer

Kolumne

Bundespräsident Köhler hat kürzlich die Abkehr vom Wachstumsdenken angemahnt. Doch weniger Wachstum bedeutet auch weniger Wohlstand, die Folgen des jetzigen Einbruchs könnten für viele dramatisch werden.

Für Bundespräsident Horst Köhler ist der Fall klar: „Wir haben uns eingeredet, permanentes Wirtschaftswachstum sei die Antwort auf alle Fragen“, kritisierte Deutschlands Staatsoberhaupt vergangene Woche in seiner Berliner Rede. In Wahrheit aber sei Wachstum nicht mehr zentraler „Problemlöser und Friedensstifter in unseren Gesellschaften“.

Derartige dem marktfeindlichen Zeitgeist huldigende Statements mögen die in wohlfeilen Staatspositionen finanziell üppig abgesicherten Zuhörer in Berlin zu Beifallsbekundungen hingerissen haben. Otto Normalverbraucher und -unternehmer aber werden sich wohl schon bald nach den Zeiten zurücksehnen, in denen die Wirtschaft ordentlich wuchs.

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Denn in diesem Jahr wird die deutsche Wirtschaft so stark schrumpfen wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Um minus sechs bis minus sieben Prozent werde das Bruttoinlandsprodukt zurückgehen, prophezeien die Ökonomen der Commerzbank – und setzen sich damit an die Spitze der Konjunkturpessimisten. Angesichts der wegbrechenden Aufträge und Produktion haben sie ihre Prognose für das erste und zweite Quartal dieses Jahres kräftig nach unten revidiert. Selbst wenn sich die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte allmählich stabilisieren sollte, worauf der erneute Anstieg der ifo-Geschäftserwartungen im März hindeutet, ist ein scharfer Rückgang des BIPs im Gesamtjahr nicht mehr zu vermeiden. Auch die Bundesregierung hat daher Abschied von ihrer offiziellen BIP-Prognose (minus 2,3 Prozent) genommen und rechnet nun intern mit einem Rückgang um 4,5 Prozent.

Der materielle Wohlstand sinkt

Doch was bedeutet es für Bürger, Unternehmen und Staat, wenn die Wirtschaft tatsächlich um sechs bis sieben Prozent schrumpft? Zunächst einmal sinkt unser materieller Wohlstand. Das reale BIP dürfte im dritten Quartal dieses Jahres seinen zyklischen Tiefpunkt erreichen. Mit 528 Milliarden Euro wird es dann so niedrig sein wie Anfang 2005, als der Aufschwung begann. Die Wohlstandsgewinne aus den vergangenen Boomjahren dürften wohl schon im Herbst dieses Jahres wieder perdu sein.

Das werden vor allem diejenigen zu spüren bekommen, die ihren Job verlieren. Bis Ende des Jahres dürfte die Zahl der Arbeitslosen von derzeit rund 3,5 auf 4,0 Millionen steigen. Da der Arbeitsmarkt der Konjunktur um rund sechs Monate hinterherhinkt, wird die Arbeitslosigkeit bis weit ins nächste Jahr hineinsteigen. Ende 2010 könnte sie gar an der Marke von fünf Millionen kratzen, die sie im Februar 2005 schon einmal übersprungen hatte.

Zwar bremst der Rückgriff der Unternehmen auf die Kurzarbeit den Anstieg der Arbeitslosigkeit vorerst noch. Doch in den nächsten Monaten wird sich in vielen Betrieben wohl mehr und mehr die Erkenntnis durchsetzen, dass die Auslastung der Kapazitäten auf absehbare Zeit nicht wieder das Niveau der vergangenen Boomjahre erreichen wird. Für viele Kurzarbeiter wird es dann keine rentable Weiterbeschäftigung mehr geben.

Die üppigen Zeiten sind vorbei

Expertenprognosen für das reale Wachstum des deutschen BIP

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Aber auch für die Arbeitnehmer, die ihren Job behalten, sind die üppigen Zeiten vorerst vorbei. Unter dem Druck der betrieblichen Kostensenkungsprogramme rücken Gehaltserhöhungen in weite Ferne. Einer Umfrage des Karriereportals Monster zufolge schließt derzeit ein Drittel der Arbeitnehmer in Deutschland eine Gehaltserhöhung für sich in diesem Jahr komplett aus. 40 Prozent können eine Aufstockung ihres Salärs nicht absehen, lediglich ein Drittel rechnet fest mit einer Gehaltsverbesserung. In der Metallindustrie drängen die Arbeitgeber darauf, die tariflich vereinbarte Lohnerhöhung um mehrere Monate zu verschieben.

Die sich immer stärker eintrübende Lage am Arbeitsmarkt setzt die öffentlichen Kassen unter Druck. Nach Berechnungen von Alfred Boss, Finanzexperte des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel, bedeutet jedes Prozent weniger beim BIP einen Rückgang der Steuereinnahmen um rund sechs Milliarden Euro. Die Einnahmen der Sozialversicherungen sinken um rund vier Milliarden Euro. Zugleich treibt jedes Prozent weniger BIP die staatlichen Ausgaben um drei bis fünf Milliarden Euro in die Höhe.

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