Boom & Bust: Höhere Löhne sind ein Gebot der Fairness

kolumneBoom & Bust: Höhere Löhne sind ein Gebot der Fairness

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Deutscher Sonderweg. Lohn- und Gehaltsentwicklungen zwischen 2000 und 2009

Kolumne von Bert Losse

Die Reallöhne in Deutschland sind gesunken. Was bedeutet das für die Tarifpolitik?

Eine bessere Schützenhilfe hätten sich die Gewerkschaften für das Tarifjahr 2011 nicht wünschen können. In der vergangenen Woche präsentierte die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) eine neue Studie, nach der die Reallöhne hierzulande zwischen 2000 und 2009 um 4,5 Prozent gesunken sind. In fast allen anderen Industriestaaten ging die Entwicklung in die andere Richtung, in Großbritannien etwa gab es ein Plus von 14 Prozent, in Frankreich hatten die Arbeitnehmer inflationsbereinigt 8,6 Prozent mehr in der Tasche.

Nun ist Deutschland noch lange kein Land der lohnpolitischen Verelendung. Prozentuale Veränderungen sagen nichts über absolute Zahlen aus – bei den Bruttolöhnen in der Industrie liegen wir unverändert im vorderen Bereich. Zudem ist der Rückgang der Reallöhne ein Durchschnittswert, der nicht zuletzt aus der Zunahme von Minijobs herrührt. Und auch das Argument, die Lohnzurückhaltung der Deutschen habe die Binnenkonjunktur destabilisiert, ist etwas zu schlicht. Im Aufschwung vor der Krise stellten die Arbeitgeber Hunderttausende neue Leute ein (was die Kaufkraft stärkte). Und während der Rezession konnten die Betriebe dank gesunkener Lohnstückkosten ihre Beschäftigten trotz einbrechender Produktivität zusammenhalten (was die Kaufkraft stabilisierte). Dass Deutschland das einzige Land der EU war, in dem die Arbeitslosenzahlen nicht nach oben schossen, ist auch ein Verdienst des lohnpolitischen Pragmatismus.

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Rückgang durch Zunahme der Minijobs

Das freilich ändert nichts daran, dass höhere Löhne für die Beschäftigten 2011 angesichts des Aufschwungs nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern in vielen Branchen auch ökonomisch verkraftbar sind. Allerdings dürfen die Gewerkschaften dabei nicht überziehen. Dass die sonst pragmatische Chemiegewerkschaft jetzt zwischen sechs und sieben Prozent mehr Geld fordert, ist da nicht das beste Signal.

Wichtiger noch als der Streit um Prozente ist aber eine Verstetigung der Tarifpolitik. Nötig sind differenzierte Abschlüsse mit generell längeren Laufzeiten und betrieblichen Variationsmöglichkeiten. Der vergangene Abschluss in der Metallindustrie hat da deutliche Pflöcke eingeschlagen. Und warum sollten die Tarifparteien künftig nicht generell einen Menüplan mit mehren Alternativen entwerfen, unten denen sich die Betriebe zusammen mit der Belegschaft das Passende heraussuchen? Diesen Weg einer betriebsnahen Tarifpolitik müssen Arbeitgeber und Gewerkschaften weiter gehen.

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