Buchrezension zu "Jetzt rede ich!": Brüderles Stuhl ist abmontiert

Buchrezension zu "Jetzt rede ich!": Brüderles Stuhl ist abmontiert

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In seinem Buch "Jetzt rede ich" wagen Hugo Müller-Vogg und Rainer Brüderle den Rundumschlag.

von Anja Stehle

In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ schiebt Rainer Brüderle die Schuld für den Untergang der FDP auf die Medien. Dabei vergisst er die Fehler seiner Partei – und seine eigenen.

Er wurde ausgeladen, noch vor der ersten Hochrechnung. Der Stuhl, auf dem Brüderle in der Elefantenrunde von ARD und ZDF sitzen sollte, wurde einfach abmontiert. Noch vor 17 Uhr glaubte offenbar keiner mehr daran, dass die FDP die Fünf-Prozenthürde nehmen würde. Die Ausladung empfand der FDP-Spitzenkandidat als „ungerecht“, er war „perplex“.

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„Perplex“ ist ein gutes Stichwort. In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ spricht Rainer Brüderle mit dem „Bild“-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg über das Schicksalsjahr 2013, das Brüderles Ende in der Politik markierte. Müller-Vogg und Brüderle machen einen Rundumschlag: von dem Tag, an dem die FDP abstürzte, über den Wahlkampf und den Sexismus-Skandal, bis hin zur Zukunft der FDP. Der Leser erlebt einen ehemaligen Spitzenkandidaten, der sich von der Härte im Politikbetrieb überrollt fühlt, den die Politik offenbar auch noch nach Jahrzehnten im Geschäft überraschen kann und der sich ständig ungerecht behandelt fühlt - vor allem von den Medien. Ihnen gibt er die Schuld am Untergang der Liberalen.

„Jetzt rede ich“ – das klingt nach reinen Tisch machen, nach Klartext. Auf den rund 150 Seiten gelingt das Brüderle aber nur an einer Stelle: Dort, wo er sein Schweigen zum Sexismus-Skandal bricht. Brüderle gibt erstmals zu, dass jedes seiner Zitate, die der Stern in dem Artikel über den Abend an der Stuttgarter Hotelbar mit der Journalistin Laura Himmelreich abdruckte, wahr ist. „Sie könnten auch ein Dirndl ausfüllen“, ja, das habe er gesagt. „Im Laufe unseres Gesprächs greift er nach meiner Hand und küsst sie“, ja, das sei richtig gewesen. „Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen“, ja, auch das stimme. Trotzdem kann Brüderle die Empörung im Netz, die #Aufschrei-Debatte nicht nachvollziehen: „Mir fehlte und fehlt jedes Bewusstsein mich daneben benommen zu haben“, sagt er. Besonders ärgerlich an dieser Stelle ist die verniedlichende Darstellung Müller-Voggs: „Sind Sie in gewisser Weise das Opfer Ihres rheinpfälzischen Naturells geworden?“

In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ spricht Rainer Brüderle mit dem „Bild“-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg über das Schicksalsjahr  2013. (zum Vergrößern bitte anklicken) Quelle: Presse

In seinem Buch „Jetzt rede ich!“ spricht Rainer Brüderle mit dem „Bild“-Kolumnisten Hugo Müller-Vogg über das Schicksalsjahr  2013. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Es verblüfft und betrübt zugleich, dass Brüderle nicht versteht, warum sein Verhalten in der Gesellschaft für Empörung sorgte. Brüderle hingegen ist überzeugt, der Artikel hatte nur einen Zweck: ihn und die FDP zu schädigen. „Diese Kampagne war politisch motiviert und zielte auf den Menschen“, sagt Brüderle. Der mediale Hype habe ihn überrascht – mal wieder, der perplexe Brüderle.

Auch an anderen Stellen im Buch lässt sich Brüderle in die Karten schauen. Er erzählt von der kalten Kanzlerin, die sich nach dem Wahlabend erst Wochen später bei ihm meldet. Er erzählt von einem Vier-Augen-Gespräch im Januar 2013 zwischen dem ehemaligen Parteivorsitzenden Philipp Rösler und Brüderle, in dem Rösler Brüderle den Parteivorsitz anbietet. Er lehnt ab, weil die FDP „eine schwierige Partei“ sei, an deren „Spitze eine kleine harmonierende Truppe stehen“ muss. Wir lernen: Brüderle hätte im Wahlkampf die als Parteivorsitzender die Fäden in der Hand halten können, er wollte aber nicht.

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