Buchvorstellung von Gabor Steingart: „Populisten sind eine Fehlermeldung“

Buchvorstellung von Gabor Steingart: „Populisten sind eine Fehlermeldung“

, aktualisiert 14. Dezember 2016, 14:43 Uhr
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Der Handelsblatt-Herausgeber mit Auslandschefin Nicole Bastian: „Sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“.

von Christian RickensQuelle:Handelsblatt Online

Einfach nur Vorlesen war gestern: Bei seiner Buchpräsentation in Düsseldorf brachte Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart seine Zuhörer mit einem Powerpoint-Crescendo in Wallung – und forderte mehr direkte Demokratie.

DüsseldorfTreffen sich 250 Handelsblatt-Leser im Interconti an der Kö und reden über die Revolution: Was wie der Beginn eines Kalauers klingt, wurde am Abend des 13. Dezember Realität. Der Wirtschaftsclub des Handelsblatts hatte eingeladen, es gab Wein und Häppchen im gedämpften Ambiente des Fünf-Sterne-Hotels in Düsseldorf.

Doch als Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart die Bühne betrat, war es mit der entspannten Feierabendatmosphäre schnell vorbei. Statt einfach nur aus seinem neuen Buch „Weltbeben“ vorzulesen, riss Steingart die Zuhörer mit einem Powerpoint-Vortrag mit, der vor allem eine Kernbotschaft hatte: Wir leben in einem Zeitalter der Überforderung. Die Gleichzeitigkeit von Europäischer Vereinigung, Digitalisierung, Globalisierung und religiös motiviertem Krieg überfordert die Steuerungssysteme von Wirtschaft und Politik – vor allem aber die Eliten, die an den Schalthebeln dieser Systeme sitzen.

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Der Beamer projizierte die passenden Zahlen an die Wand des Konferenzraums: Die Staatsschulden steigen (außer in Deutschland) fast überall unaufhörlich weiter, „die nächste Finanzkrise ist die bestprognostizierte der Geschichte“. Die Managergehälter entfernen sich immer weiter vom Durchschnittsverdienst, die Lohnquote sinkt.

Doch statt sich um tatsächliche Lösungen zu bemühen, setzen Politiker laut Steingart immer stärker auf „Narrative“, auf emotional erzählte Geschichten, die beim Wähler gut ankommen. Vor allem in den EU-Institutionen herrschten „sklerotische Verhältnisse wie aus dem Feudalismus“. Angesichts solcher Verhältnisse warnte Steingart davor, die Wähler von extremen Parteien zu beschimpfen: „Populisten haben keine Lösungen, aber ihre Wahlerfolge sind eine Fehlermeldung. Es macht keinen Sinn, diese Lösungen zu ignorieren.“

Die Lösung sieht Steingart in einer Selbstermächtigung des Bürgers, die er bereits in vielen Teilen der Gesellschaft am Werk sieht: Menschen beginnen sich vegan zu ernähren – und erteilen so der Massentierhaltung eine Absage. Bürger bringen mit Protesten das Freihandelsabkommen TTIP zu Fall – der Politik bleibt nur noch der Vollzug. Bürger stoppen Großprojekte wie Olympische Spiele, weil sie ihnen unsinnig erscheinen. Ganz im Sinne von Albert Camus: „Was ist ein Mensch in der Revolte? Ein Mensch, der nein sagt.“

Konkret wünscht sich Steingart mehr direkte Demokratie, zum Beispiel die Direktwahl des Bundespräsidenten und des Präsidenten der EU-Kommission und mehr Bürgerbeteiligung auf kommunaler Ebene.

Steingarts Vortrag und die anschließende Diskussion mit Handelsblatt-Auslandschefin Nicole Bastian entließ das Publikum in einer nahezu protorevolutionären Stimmung. Ein Herr im Anzug fragte: „Was sollen wir als nächstes tun, Herr Steingart?“ Doch auch die Zuhörer machten von ihrem Recht aufs Selberdenken Gebrauch, Kritik gab es zum Beispiel an Steingarts harscher Kritik an den EU-Institutionen. Die seien, so ein Zuhörer, schließlich auch nicht undemokratischer als die Strukturen in der Bundespolitik.

Was die Sache allerdings nicht unbedingt besser macht.

Quelle:  Handelsblatt Online
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