Bürgergesellschaft: In Weyarn machen die Bürger Politik

Bürgergesellschaft: In Weyarn machen die Bürger Politik

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Stadt und Land - Die kleine oberbayrische Gemeinde Weyarn leistet Widerstand gegen den Sog der Suburbanisierung

von Christopher Schwarz

Alle reden vom Vertrauensverlust der Politik. Die oberbayrische Gemeinde Weyarn zeigt, dass es auch anders geht: Engagierte Bürger gelten nicht als Störfaktor, sondern als Motoren der Demokratie.

Michael Pelzer, erster Bürgermeister von Weyarn, ist ein begnadeter Redner, der gern auch mal den Prediger gibt. Beim Neujahrsempfang in der örtlichen Schulaula erinnert er an die christlichen Tugenden von Liebe und Barmherzigkeit, zeichnet im Rückblick auf 2011 das Schreckbild einer von Natur- und Finanzkatastrophen erschütterten Welt und diagnostiziert für das neue Jahr den fortschreitenden Vertrauensverlust von Politik, Medien und Wirtschaft. Auch „unser kleiner Kosmos“, erklärt der Bürgermeister mit sattem bajuwarischem Tremolo, wird von der Krise der Demokratie erfasst – weshalb er die Seinen umso trotziger auf den Weyarner Weg einschwört, den „Weg der Bürgergesellschaft“, der vom Geist der Freiheit und Solidarität getragen werde, von der Lust, sich einzumischen in die öffentlichen Angelegenheiten, vom Bewusstsein, nicht Kunde, sondern Mitgestalter der Res publica zu sein. Die Bürger, so der Bürgermeister mit Blick auf die Weyarner Errungenschaften, mögen sich auf die „Kraft der kleinen Kreise“ besinnen – also auf ihre Bereitschaft, selbst das kommunale Heft in die Hand zu nehmen. Denn wer, bitte schön, wenn nicht „wir in unserer Gemeinde wissen, wie viel leidenschaftliches Mitmachen wir mobilisieren können, wenn wir den Menschen den Freiraum geben, sich einzubringen“.

Das ist die Botschaft, die aus der Gemeinde Weyarn mit ihren 3.400 Einwohnern in die Welt geht: die Bürger ernst zu nehmen, das Prinzip der Subsidiarität mit Leben zu erfüllen, die Gemeinde als freie und starke Gemeinschaft zu verstehen, zu der man gern gehört, weil man in ihr etwas zu sagen hat. Wo die Menschen die große Politik als anonymen Prozess wahrnehmen, wächst ihre Lust, sich lokalpolitisch zu engagieren.

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Das Weyarner Demokratiewunder

Drei Tage nach seinem Dreikönigsauftritt sitzt Michael Pelzer im schönen Weyarner Rathaus, einem ehemaligen Klostergebäude direkt neben der Barockkirche St. Peter und Paul, und erzählt die Vorgeschichte des Weyarner Demokratiewunders, die in die späten Siebzigerjahre fällt, als man allerorten mehr Demokratie wagen wollte und genau das Gegenteil tat: Die Gebietsreformen bedrohten das bürgerschaftliche Engagement in den Gemeinden. Weyarn, 38 Kilometer südöstlich von München gelegen, eine Flächengemeinde mit 22 Dörfern, durchschnitten von der Autobahn Richtung Salzburg, gehörte zu den Gemeinden, die sich gegen den Trend zur kommunalen Expansion behaupten konnten – und geriet doch zunehmend in den Sog der Suburbanisierung.

Lage der Gemeinde Weyarn

Lage der Gemeinde Weyarn

Als der damalige Sozialdemokrat und heute parteilose Pelzer, ein gelernter Jurist, 1990 mit gut 60 Prozent der Stimmen zum ersten Mal gewählt wurde, drohte Weyarns Mitte zu veröden: Geschäfte starben, Gaststätten schlossen, Vereine schrumpften, die Durchgangsstraße Richtung Tegernsee drängte den Ortskern mit dem alten Chorherrenstift brutal beiseite. Es war das bayrische Dorferneuerungsprogramm, das mit seinen Instrumenten der Bürgerbeteiligung die Gemeinde Weyarn aus dem vordemokratischen Schlummer weckte: Mit der Aufnahme ins Förderprogramm ergab sich die Möglichkeit von sogenannten Teilnehmergemeinschaften, die die Mitsprache aller betroffenen Bürger garantierten, von professioneller Begleitung durch Architekten und Soziologen, die die Bürger bei Gemeindeprojekten unterstützten.

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