Bürgerprotest: Streit um Hochwasserschutz an der Donau

Bürgerprotest: Streit um Hochwasserschutz an der Donau

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Bitte im Bett bleiben: Familie Oswald lebt am Bachlauf

von Konrad Fischer

Flutflächen an der Donau könnten Hunderttausende vor Hochwasser schützen, doch die Anlieger wollen nicht. Ein Ausflug in den Grenzbereich von Solidarität und Spieltheorie.

Peter Jaruszewski und Christian Oswald haben sich nie getroffen, da fängt das Problem schon an. So humpelt Jaruszewski durch die Gänge seiner Fabrik und macht sich größte Sorgen. „Ich mag gar nicht daran denken, was passiert, wenn so eine Flut sich wiederholt“, spricht er, die Stirn in Falten. Währenddessen fragt Oswald, die Rechnungen seines Hausbaus noch im Kopf: „Es kann doch keine Lösung sein, dass dem einen geholfen wird und der andere dadurch Probleme bekommt.“

Jaruszewski und Oswald leben mehr als 100 Kilometer voneinander entfernt, der eine in Deggendorf, der andere in einem Vorort von Ingolstadt. Doch sie verbindet die poetisch blaue, zurzeit aber erdbraune Donau. Der Fluss macht beide zu Teilen eines gemeinsamen Projektes, zumindest in der Theorie. Die Städte und Dörfer entlang der Donau sollen nie wieder einem Hochwasser zum Opfer fallen, so lautet der Plan. Bald zwei Jahre ist die jüngste Überflutung her. Mit 1,6 Milliarden Euro für den Umbau von Deichen will die bayrische Staatsregierung verhindern, dass sich diese Katastrophe wiederholt. Dort, wo Platz ist, soll der Donau neuer Raum gegeben werden, damit sich die Flut notfalls in der Fläche verteilen kann.

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Die Bürger entscheiden, ob das Projekt erfolgreich ist

Den Herren Jaruszewski und Oswald kommen bei dem Projekt Rollen zu, die man ganz unterschiedlich interpretieren kann. Jaruszewski braucht den Schutz, um vor der nächsten Flut sicher zu sein. Vor Oswalds Türe soll er entstehen. Je nach Perspektive macht das die beiden zu Anrainern und gleichberechtigten Partnern einer Solidargemeinschaft – oder aber zum Nutznießer und Opfer staatlicher Fürsorge. Am Ende werden nicht die eingesetzten Milliarden über Erfolg und Misserfolg des Projekts entscheiden – sondern die Antwort auf die Frage, für welche dieser beiden Rollen Jaruszewski und Oswald sich entscheiden. In den Auen der Donau lassen sich damit Lehren ziehen, die für jede Art von gesellschaftlicher Kooperation gelten – vom Bau neuer Stromtrassen bis zur Erweiterung von Flughäfen.

Wenn die Flut kommt Wer zahlt für das nächste Hochwasser?

Wenn das nächste Hochwasser kommt, wollen alle Länder gewappnet sein. Doch wer bezahlt den Schutz? Die Länder hoffen, dass der Bund bei der Umweltministerkonferenz ein großzügiges Angebot macht.

Wer muss zahlen, wenn die große Flut erneut kommt? Quelle: dpa

Christian Oswald ist der Typ, der es liebt, wenn sich Dinge in Zahlen fassen lassen, und der Unberechenbarkeit hasst. Deshalb ist er in die Nibelungenhalle gekommen, eine Dreifachturnanlage in Großmehring. Das Dorf liegt ein paar Kilometer flussabwärts von Ingolstadt, hier soll ein Polder entstehen. Einen sportlichen Steinwurf davon entfernt: Oswalds Haus. In der Nibelungenhalle ist die Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU) aus München zum „Bürgerdialog“ angekündigt. „Vor drei Jahren haben wir hier gebaut, wir haben viel Geld in den Schutz vor hohem Grundwasser investiert“, sagt Oswald, als er das Mikro endlich in der Hand hat. „Und jetzt wollen Sie hier riesige Wassermengen durchschleusen. Was werden die Folgen sein für uns, ganz konkret?“

Wie ein Polder sich auswirkt, ist noch unklar

Keine Sorge, erwidert die Ministerin, man werde natürlich alles tun, um Veränderungen des Grundwasserspiegels zu verhindern. Doch der Mann vom Wasserwirtschaftsamt nebendran räumt ein: Wie der Polder sich genau auswirke, dass müsse erst noch untersucht werden. „Wir setzen in dieser Sache auf die Solidarität der Oberlieger mit den Unterliegern“, fügt die Ministerin hinzu.

Oberlieger und Unterlieger, das sind nicht nur in der Geografie eines Flusses feststehende Begriffe. In der Spieltheorie symbolisieren sie das komplizierte Verhältnis zwischen zwei Verhandlungspartnern, bei denen einer am längeren Hebel sitzt. Im konkreten Fall heißt das: Je weiter flussauf das Hochwasser eingedämmt wird, desto effektiver ist das für die Anrainer flussab. Diese Situation zum gesellschaftlich besten Ergebnis zu bringen gilt nicht nur spieltheoretisch als eine der schwierigsten Herausforderungen. Selbst wenn der Oberlieger Verhandlungen zustimmt – passt ihm das Ergebnis nicht, macht er, was er will. In der Theorie gibt es dafür nur eine Lösung: Der Oberlieger wird an anderer Stelle bessergestellt.

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