Bürgerprotest: Von wegen "nur dagegen"

Bürgerprotest: Von wegen "nur dagegen"

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Dagegen

Ob in Stuttgart oder Berlin: Bürger kämpfen gegen neue Schienen, Hochspannungsmasten und Kraftwerke. Sie haben oft gute Gründe.

Eine neue Spezies erobert Deutschland. Sie nagt am Wohlstand. Sie vermehrt sich schnell. Und sie macht Deutschland zu einem garstigen Land. Zu einer Barrikadenrepublik. Zur Dagegen-Republik. Angeblich ist das so.

Tatsächlich sorgen die Proteste gegen den Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs für ein neues politisches Megathema, und auch der Schlichter Heiner Geißler kann das nicht ändern. Denn nicht nur in Stuttgart wird protestiert. Widerstand regt sich vielerorts, wo mit Stahl und Beton eine Infrastruktur für die Zukunft gebaut werden soll: Straßen und Stromleitungen, Nuklearlager und selbst Bahnstrecken.

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Ist Deutschland also ein Land von umweltbewegten Protestbürgern, die sogar Nein sagen, wenn eigentlich grüne Projekte zu nah an ihre Vorgärten heranreichen? Ein Land der Fortschrittsverweigerer? Das behaupten inzwischen viele Politiker, allen voran Angela Merkel. „Überall trifft man auf Widerstände“, klagt sie. Daher sei „eine große Debatte über die Zukunftsfähigkeit Deutschlands“ fällig und die Bereitschaft zu „einem großen Umbau der Infrastruktur“.

Allerdings erlebt Überraschungen, wer sich im Land umschaut. Die Reise zu den Widerborstigen beginnt im Tiefgeschoss des Berliner Hauptbahnhofs. Mit Verspätung. Wegen Lokschaden. Neuer Bahnhof, alte Loks, auch das ist die deutsche Infrastruktur.

Peer Schulze aus Ilmtal in Thüringen ist Unternehmer. Mit seinem Planungsbüro bringt er beruflich zum Beispiel Straßen und Abwasserkanäle auf den Weg. Doch der 46-jährige Unternehmer ist zum Neinsager geworden. Er sagt Nein zur gewaltigen Hochspannungsleitung, die von Halle im Osten nach Schweinfurt im Süden gebaut werden soll, quer über den Thüringer Wald und nicht weit an Ilmtal vorbei, wo die erdverbundenen Bürger gern Maibäume setzen oder Sonnenwendfeuer anzünden. Eine hässliche Schneise durch die hügelige Landschaft aus Feldern und Wäldern soll geschlagen werden, bis zu 100 Meter breit und mit Masten, deutlich höher als die Dorfkirchen der Gegend. Und doch ist Schulze keiner, der nur die schöne Aussicht retten will.

Leitungen müssen gebaut werden, wenn Sonne und Wind Kohle und Atom ablösen und weiterhin jederzeit aus jeder Steckdose Strom kommen soll. Dass deshalb nicht jede Leitung eine gute Leitung sein muss, lässt sich der neuesten Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur entnehmen. 3600 Kilometer plant sie per Modellrechnung – mit Daten, die von den nicht gerade unparteiischen Netzbetreibern stammen.

Schulzes Objekt der Empörung, die Stromleitung durch den Thüringer Wald, stand schon vor fünf Jahren in der vorherigen Netzstudie . Damals wurde der Mann, der als Parteiloser im Gemeinderat sitzt, zum ersten Mal mit dem Projekt konfrontiert – und dachte nur: „Die wissen schon, was sie tun.“ Er hat seine Meinung geändert und sich in den Vorstand des Verbandes Achtung Hochspannung wählen lassen, der 14 thüringische und nordbayerische Bürgerinitiativen mit zusammen mehr als 5000 Mitgliedern vereint. Ihr gemeinsames Ziel ist es, die Stromtrasse zu verhindern.

Verhindern. Schulze, der Unternehmer, mag dieses Wort nicht. Es erinnert ihn an das Sankt-Florians-Prinzip, das da lautet: Verschon mein Haus, zünd andre an. „Wir werden dargestellt wie die Deppen aus dem Wald. Wir wollen aber nur eine technisch ausreichende, wirtschaftlich vertretbare und ökologisch verträgliche Lösung“, sagt Schulze. Und die sei etwas anderes als diese „Südwestkuppelleitung“, wie die geplante Verbindung heißt.

Die Firmen 50Hertz und TenneT haben den Bau der 380.000-Volt-Leitung längst beantragt. 50Hertz, das war ehemals die Netzgesellschaft des Stromkonzerns Vattenfall. Und TenneT war früher E.on.

Die Unternehmen wollen den in Ostdeutschland reichlich produzierten Windstrom gen Süden leiten. So trage man zum Klimaschutz bei, erklärt 50Hertz. Sogar per Gesetz wurde die „energiewirtschaftliche Notwendigkeit“ der Leitung festgestellt. Ende der Debatte, sagt der Block aus Gesetzgeber und Leitungsbauern.

Theoretisch. Praktisch hat Schulze nicht nur viele Bürger auf seiner Seite, sondern auch Landräte und Bürgermeister. 60.000 Euro hat die Bewegung eingesammelt und sich ein Gutachten erstellen lassen. Da steht: „Der geplante Neubau einer 380-Kilovolt-Leitung ist in jedem Fall nicht notwendig und wirtschaftlich nicht zumutbar. Weder der massive Eingriff in Natur und Landschaft noch die Kosten für die Stromkunden, die die Leitung bezahlen müssten, sind vertretbar.“ Geschrieben von zwei honorigen Wissenschaftlern, einem Physiker und einem Ökonomen.

Man muss ihnen nicht alles glauben, aber vielleicht haben sie recht, wenn sie sagen: Es reicht, die schon vorhandene Leitung durch Thüringen mit Hochtemperaturseilen aufzurüsten. Womöglich stimmt ihr Verdacht, die neue Leitung werde nicht bloß grüne Energie transportieren, sondern auch viel Kohlestrom. Und vielleicht brauchte man für wahrhaft grüne Leitungen tatsächlich eine andere Technik: Gleichstromleitungen, die auf die lange Strecke weniger Strom einbüßen, statt solcher mit Wechselstrom.

Über das alles würde Peer Schulze gern mit denen reden, die bei ihm zu Hause die Leitung bauen wollen. Wer weiß, vielleicht würde er sich dann sogar von besseren Argumenten überzeugen lassen. Zumindest hat er eine allgemeine Vereinbarung unterschrieben, einen Katalog von Handlungsempfehlungen namens Plan N, auf den sich Bürgerinitiativen und Leitungsbetreiber aus dem ganzen Land nach fast zweijähriger Debatte – moderiert von der Deutschen Umwelthilfe und gefördert vom Bundesumweltminister – gerade geeinigt haben. Plan N bekennt sich dazu, das Netz auszubauen, die Frage ist nur, wie.

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