Bundespräsident : Christian Wulff, der junge Milde

Bundespräsident : Christian Wulff, der junge Milde

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Der Präsidentschafts-Kandidat Christian Wulff (CDU), und seine Fraun Bettina auf einer Abendveranstaltung der Unionsfraktion in Berlin.

von Dieter Schnaas

Für Christian Wulff wird der Umzug ins Schloss Bellevue keine Umstellung bedeuten. Der jüngste Bundespräsident Deutschlands ist es gewohnt Aufzutreten wie ein Präsident. Nun wird er versuchen, Deutschland behütend zu lenken - und lenkend zu behüten.

Wenn es einen aktiven Spitzenpolitiker gibt, der schon immer ganz Präsident war, dann Christian Wulff (CDU). Wulff wird sich nicht umstellen müssen, wenn er jetzt ins Schloss Bellevue einzieht; die Niedersachsen kennen ihn bereits seit sieben Jahren als eine Autoritätsperson, die sozusagen über den parteipolitischen Dingen steht. Wulff hat das Bundesland gemäß seinem Lebensmotto geführt: „Der gute Hirte führt von hinten. Er sorgt dafür, dass die Herde. in eine bestimmte Richtung geht, aber hinten keine Schafe verlorengehen." Und nach diesem Motto wird er nun versuchen, Deutschland behütend zu lenken - und lenkend zu behüten.

Christian Wulff (51), der jüngste Bundespräsident Deutschlands, wirkte schon immer ein bisschen wie der weise König Salomo, der jeden Konflikt in Gerechtigkeit und Wohlgefallen auflösen kann - eine Stärke, die zugleich eine Schwäche war: So ausgeprägt war Wulffs Konsenssucht und Kompromisslust, dass er es zuweilen allen und jedem recht machen wollte. Bereits mit 15 fand Wulff es „interessant, dass die CDU sich als Volkspartei versteht und den Ausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Katholiken und Protestanten, Frauen und Männern, Alten und Jungen" anstrebt. Jetzt wird er es interessant finden, als Präsident diesen Ausgleich herbeizuführen.

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Schiedsrichter und Schlichter

Kurzum: Wulff kann da anknüpfen, wo er zuletzt aufgehört hat: als präsidialer Mann der Mitte, als Schiedsrichter und Schlichter, der „gemeinsam für alle" (Wahlspruch in Niedersachsen) etwas erreichen will, weil es für ihn selbstverständlich auch unter Sozialdemokraten „viele vernünftige Leute" gibt (O-Ton Wulff). Weil er als Bundespräsident gewissermaßen von Amts wegen den Beweis dafür antritt, dass es ihm stets ernst war mit der ostentativen Leugnung von Ambitionen auf das Kanzleramt – und weil er gewissermaßen den Querschnitt der Union repräsentiert. 

Er ist nicht so großstädtisch-liberal wie Ole von Beust (Hamburg), nicht so sozialdemokratisch wie Peter Müller (Saarland) und Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen), nicht so nationalkonservativ wie Roland Koch (Hessen), nicht so schneidig arbeitgebernah wie Günther Oettinger (Baden-Württemberg), nicht so machtverbissen wie die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende Angela Merkel, sondern eben: wie die denkbar angenehmste Schnittmenge aller politischen und persönlichen Vorzüge, die die Union zu bieten hat.

Man darf freilich Christian Wulffs Verbindlichkeit nicht mit mangelnder Durchsetzungskraft verwechseln – und seine konziliante Art nicht mit fehlender Hartnäckigkeit. So schwiegermutter-schmiegsam wie Christian Wulff auch ist, sobald eine Fernsehkamera in seiner Nähe ist, so beharrlich und zielstrebig verfolgt er hinter verschlossenen Türen seine Ziele.

Dabei war Wulff stets gelassen, großmütig und souverän: Er hatte keine Probleme damit, starke Persönlichkeiten neben sich zu dulden, einen Nachfolger (David McAllister) aufzubauen, ein Zeichen der Modernität zu setzen mit der Berufung einer Muslimin in sein Kabinett – und mit dem CDU-Vorsitz in Niedersachsen sogar ein großes Stück Macht abzugeben. Es ist diese staatsmännische Souveränität, die Wulff sympathisch macht, die er an sich mag – und die er Angela Merkel immer voraus haben wird. (Dass er die Souveränität zuweilen gleich wieder eingebüßt hat, weil er Journalisten immer wieder darauf hinweisen musste, dass er, Christian Wulff, starke Menschen neben sich dulde, Angela Merkel jedoch nicht – geschenkt.)

Betatier im Schloss Bellevue

Wulff hat sich immer auch ein bisschen gegen und über die Berliner Politik gestellt, darin seinem Vorgänger Horst Köhler gar nicht unähnlich. Mit dem Unterschied, dass Wulff die Politik inwendig kennt, um sie von außen gezielt zu kritisieren – und um sich als Gegenentwurf erscheinen zu lassen: als sachorientierter Politiker, dem es um die Menschen, das Land und den Fortschritt geht – und nicht um seine Interessen. Dass sein Interesse dabei auch der Stilisierung seiner eigenen Person galt, wurde dabei oft gnädig übersehen. Und so gefiel sich Wulff als bundespräsidialer Provinzpolitiker, der kein „Alphatier" sein will – und der daher „kein Kanzler kann", wie er einmal freimütig bekannte.

Als Betatier wird er im Schloss Bellevue bestenfalls das sein, was Horst Köhler sein wollte: offen und notfalls unbequem. Im schlechtesten Fall wird er das sein, was Christian Wulff immer auch ein bisschen war: der Cheftautologe des politischen Betriebs. Wo immer sich Christian Wulff in den vergangenen Jahren aufgehalten hat, war der Zeitgeist kurz zuvor schon gewesen. (dsc)

(Ein ausführliches Porträt zum „Wirtschaftspräsidenten" Christian Wulff lesen Sie nächste Woche in der WirtschaftsWoche)

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