Bundespräsident: Gaucks Europarede ohne Ruck

Bundespräsident: Gaucks Europarede ohne Ruck

von Florian Willershausen

Mit einer vorsichtig-diplomatischen Rede wirbt Bundespräsident Joachim Gauck für Vertrauen in Europa – die Politik nimmt er nicht in die Pflicht. Dabei ist deren Unfähigkeit zur Erklärung Europas der Grund, weshalb die Bürger ihr Vertrauen in das Elitenprojekt verlieren. Die Lücke kann auch der Präsident mit einer akademischen Werbe-Ansprache nicht schließen.

Joachim Gauck mimt gern den jovialen Bürgerpräsidenten, oft ist er auch zu Scherzen aufgelegt. Als er am Freitagmorgen im Schloss Bellevue ans Rednerpult tritt, wirkt er dagegen seltsam angespannt und ernst – so ernst, dass sich sein Auditorium erst nach mehr als einer halben Stunde mit Applaus aus der Deckung wagen. Pflichtschuldig, weil er zuvor die Briten zum Verbleib in der Union umwarb.

Kein Wunder. Es geht um Europa, um die Zukunft der Europäischen Integration. Das ist im Moment kein fröhliches Thema, erst Recht nicht für den „bekennenden Europäer“ Joachim Gauck. Die Bevölkerung sei unsicher, ob der Weg zu mehr Europa richtig ist. „Es scheint mir, als stünden wir vor einer neuen Schwelle – unsicher, ob wir weitergehen sollen.“ Europas Krise, so Gauck, sei keine rein ökonomische Krise. „Sie auch eine Krise des Vertrauens in Europa.“

Anzeige

Gauck versucht, Ängste zu nehmen

Klug analysieren kann Gauck, der lutherische Pastor. Er wägt seine Worte vorsichtig ab, klingt ehrlich und verbindlich. Wie ein Prediger auf der Kanzel gibt Gauck seinen Zuhörern das Gefühl, ihre Ängste ernst zu nehmen. „In einigen Mitgliedstaaten fürchten die Menschen, dass sie zu Zahlmeistern der Krise werden.“ In anderen wachse die Angst vor dem sozialen Abstieg. Dabei seien die Vorteile Europas Alltag geworden in Europa, dem „Raum des Wohlstands und der Selbstverwirklichung“, in Gestalt der Reisefreiheit und einem gemeinsamen Wirtschaftsraum ohne Zollschranken.

Die wichtigsten Reden der Bundespräsidenten

  • Richard von Weizäcker

    8. Mai 1985: Bundespräsident Richard von Weizsäcker würdigt bei einer Gedenkveranstaltung zum 40. Jahrestag des Endes der Nazi-Diktatur den 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung „von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“.

  • Roman Herzog

    26. April 1997: In der ersten „Berliner Rede“ wirft Bundespräsident Roman Herzog den Eliten in Politik und Wirtschaft Versagen bei dringenden Reformen vor. Er fordert: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen.“

  • Johannes Rau

    16. Feb. 2000: Als erstes deutsches Staatsoberhaupt hält Bundespräsident Johannes Rau vor der israelischen Knesset eine Rede. Er bittet um Vergebung für die Verbrechen der Nationalsozialisten.

    und

    19. Mai 2003: Rau warnt in seiner „Berliner Rede“ über Deutschlands Verantwortung in der Welt vor einer Gewöhnung an militärische Interventionen nach dem Irak-Krieg.

  • Horst Köhler

    21. September 2006: Bundespräsident Horst Köhler kritisiert in seiner „Berliner Rede“ an einer Hauptschule in Berlin-Neukölln die fehlende Chancengleichheit in der Bildung.

  • Christian Wulff

    3. Oktober 2010: Bei den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Deutschen Einheit warnt Bundespräsident Christian Wulff vor der Ausgrenzung von Zuwanderern: „Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“

Vermutlich ist Gauck der richtige Mann, um sogar die Merkel-kritischen Griechen zu beruhigen: Man wolle hierzulande kein „deutsches Europa“, sondern ein „europäisches Deutschland“, so Gauck: „Wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unsere Konzepte aufdrücken.“ Allerdings würde Deutschland gern die Erfahrungen „vermitteln“, mit denen sich der vormalige „kranke Mann Europas“ binnen zehn Jahren selbst aus der Wirtschaftskrise gezogen habe. Starke Botschaften – für andere Länder.

Pastor Gauck kann ermutigen. Aber wenn man den Erfolg einer großen bundespräsidialen Rede frei nach Roman Herzog (CDU) daran misst, ob hinterher ein „Ruck“ durch Deutschland geht, dann hat der parteilose SPD-Mann Joachim Gauck dennoch sein Tagesziel verfehlt: Gaucks Europarede ist eine Werbebotschaft für mehr Europa, gerichtet an alle Europäer. Die Deutschen kommen hierin nur als Teil des großen Ganzen vor – und die Berliner Europapolitik um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) erwähnt er mit keinem Wort.

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%