
Berlin/DüsseldorfDas Interview von Bundespräsident Christian Wulff wirft neue Fragen auf und droht damit zu einer Belastung für die schwarz-gelbe Koalition zu werden. Grund sind neue Differenzen um Wulffs Anruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann: Während der Bundespräsident sagte, er habe die Berichterstattung nur um einen Tag verschieben wollen, erklärte der Leiter des „Bild“-Hauptstadtbüros, Nikolaus Blome, Wulff habe den Bericht verhindern wollen. Während die CDU darin keinen Anlass sieht, Wulff abermals zu einer Auflösung des Sachverhalts zu drängen, fordert die FDP genau dieses jetzt ein.
Die Vize-Vorsitzende der FDP, Birgit Homburger, sagte dazu im Deutschlandfunk: „Es ist offensichtlich so, dass nach seinem Interview am gestrigen Abend es jetzt eine andere Darstellung der "Bild"-Zeitung gibt. Dann muss das jetzt geklärt werden, und diese Klärung kann ausschließlich der Bundespräsident vornehmen. Er ist derjenige, der die Antwort darauf geben kann, und niemand sonst.“ Auch bei dieser neuen Frage müsse von Wulff „vollständige Transparenz“ hergestellt werden, damit diese Debatte endlich beendet wird.
Der CDU-Politiker Peter Hintze sieht dagegen in den jüngsten Interview-Äußerungen des Bundespräsidenten keinen Widerspruch zur Darstellung der „Bild“-Zeitung. „Er (Wulff) hat das Recht, wenn er mit einer Veröffentlichung hadert, zu sagen: Das sehe ich anders“, sagte Hintze im ARD-„Morgenmagazin“. Die Aussagen der „Bild“-Zeitung und Wulff deckten sich „im Kernsachverhalt“, fügte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium hinzu.
Wulffs Darstellung im Interview, er habe nur um eine Verschiebung der Veröffentlichung gebeten, war von „Bild“ dementiert worden. Der stellvertretende Chefredakteur Nikolaus Blome sagte am Mittwochabend im Deutschlandfunk, „den Satz von Herrn Bundespräsident Wulff, ich wollte die Berichterstattung nicht verhindern, das haben wir damals deutlich anders wahrgenommen“. Der Bundespräsident räumte aber ein, der Drohanruf bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann sei ein schwerer Fehler gewesen, der ihm leidtue.
Der Sprecher des konservativen Seeheimer Kreises in der SPD, Johannes Kahrs, forderte, die auf der Mailbox von Diekmann hinterlassene Nachricht des Bundespräsidenten im Internet zu veröffentlichen. „Es wäre sinnvoll, wenn der Spruch auf der Mailbox bei Youtube veröffentlicht werden könnte“, sagte Kahrs Handelsblatt Online. Dann könne jeder selbst beurteilen, ob Wulff die Berichterstattung über ihn habe verhindern oder verzögern wollen. „Es scheint ja eh viele zu geben, die den Anruf kennen, er wird vielfach angeführt und interpretiert, damit ist er doch fast öffentlich“, so Kahrs.
Rumoren an der FDP-Basis wegen Wulff
Hintze bezeichnete die Auseinandersetzung um Wulffs Anruf bei „Bild“ als übertrieben. „Wir können an diesem schönen Beispiel sehen, wie im Moment mit der Lupe Klein- und Kleinstdifferenzen vergrößert und aufgeblasen werden und daraus neue Sachverhalte gemacht werden“, sagte Hintze.
Der designierte FDP-Generalsekretär Patrick Döring sieht dagegen im Streit um den Drohanruf weiteren Klärungsbedarf. „Das müssen die beiden (Wulff und „Bild“) unter sich ausmachen und an dieser Stelle dann eben auch eine gleichlautende Deutung der Öffentlichkeit präsentieren“, sagte Döring der Nachrichtenagentur dpa.
Die Opposition macht ebenfalls Druck. Wenn der Bundespräsident chronisch ein Problem habe, die ganze Wahrheit auf den Tisch zu legen, dann gehe das nicht, sagte SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im Deutschlandfunk.
Döring betonte aber auch, dass Wulff eine sehr persönliche Erklärung gegeben und sich für sein Verhalten gegenüber den Medien entschuldigt habe. „Beides trägt auch dazu bei, die Wogen zu glätten“, sagte der FDP-Politiker.
Die CSU sieht Wulff nach seinem TV-Auftritt sogar gestärkt. Generalsekretär Alexander Dobrindt zeigte sich bei N24 daher auch überzeugt, dass es Wulff gelingen werde, in der Bevölkerung Vertrauen zurückzugewinnen.
Unterdessen sorgt die Wulff-Debatte auch an der FDP-Basis für Stirnrunzeln und Verärgerung. Das geht aus einem Facebook-Eintrag eines Mitglieds im Bundesvorstand der FDP, Michael Theurer, hervor. Es mehrten sich im liberalen Lager Stimmen, „die zutiefst bedauern, dass wir nicht für Joachim Gauck gestimmt haben, der wie kein anderer die friedliche Bürgerrevolution von 1989 und das wiedervereinigte Deutschland hätte vertreten können“, schreibt der baden-württembergische Europaabgeordnete auf seiner Facebook-Pinnwand. Damit habe sich ein weiteres Mal „die Nibelungentreue zur Merkel-CDU für die FDP nicht ausgezahlt“.













