Bundestags-Rede: Kein Wort vom Papst zum Kapitalismus

Bundestags-Rede: Kein Wort vom Papst zum Kapitalismus

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Der Papst im Bundestag

von Cornelia Schmergal

Benedikt XVI. hält vor dem Parlament eine ungewöhnliche Rede. Die Grünen fühlen sich kurz geschmeichelt, viele Abgeordnete sind am Ende enttäuscht.

Der Papst hat sich ein wenig verrannt. Als er sich an diesem Nachmittag erhebt, um seine lang erwartete Ansprache im deutschen Bundestag zu halten, da läuft er zielstrebig  am Rednerpult vorbei. Bundestagspräsident Norbert Lammert fasst ihn schließlich sanft am Arm und geleitet ihn zum richtigen Mikrofon - zumindest, so weit das möglich ist. Irgendwann stockt der Schritt des Papstes, weil der CDU-Politiker auf seinem weißen Gewand steht. Lachen müssen beide darüber.

Es ist ein freundlicher Empfang, den der Bundestag Benedikt XVI. am Donnerstagnachmittag bereitet hat. Und das war nicht unbedingt zu erwarten. „Selten hat eine Rede in diesem Haus, noch bevor sie gehalten wurde, so viel Aufmerksamkeit und Interesse gefunden“, sagte CDU-Politiker Lammert schon bei der Begrüßung des Papstes. Die Grünen hatten sich im Vorfeld gegen den Auftritt des katholischen Kirchenoberhauptes im Parlament gestellt, weil sie das Trennungsgebot von Staat und Kirche missachtet sahen, mehr als zwei Drittel der Abgeordneten der Linkspartei blieben der Rede gleich ganz fern. Die anderen schossen trotzdem Fotos.

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Eine sanfte Rede

Es war eine leise, eine sanfte Rede, die der Papst gehalten, eine Auseinandersetzung mit der Frage der Ethik in der Politik. Wer geglaubt hatte, Benedikt der XVI. würde sich zu aktuellen Fragen äußern, der wurde enttäuscht. Vor der Rede hatte etwa Thomas Oppermann, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, auf eine Aussage zur Finanz- und Eurokrise gehofft: „Wir sehen den Papst als politischen Bündnispartner bei der Frage der sozialen Gerechtigkeit in dieser Welt. Auch die katholische Kirche sagt, dass sich auf den Märkten nicht das Recht des Stärkeren durchsetzen dürfe.“

Tatsächlich hat die christliche Kapitalismuskritik Tradition. Dass die Marktkräfte reguliert werden müssen, dass Freiheit auch soziale Absicherung voraussetzt, gehört seit jeher zu den Erkenntnissen  der katholischen Soziallehre, aus der auch das Konzept der sozialen Marktwirtschaft hervorging. Paul VI. forderte in einer Enzyklika, die Wirtschaft müsse im Dienst des Menschen stehen. Johannes Paul II hatte in seiner Schrift „Centesimus Annus“ vor einer „radikalen kapitalistischen Ideologie“ gewarnt, die nicht dem Gemeinwohl diene. Und Benedikt XVI. hatte erst neulich den Banken empfohlen, sich auf die Ethik zu besinnen, um nicht die Sparer zu betrügen. Im Bundestag allerdings, der in der nächsten Woche vor seiner schwersten Euro-Entscheidung steht, verlor er kein Wort zu diesem Thema. Aus dem Kanzleramt hieß es allerdings, die Finanzkrise sei schon am Mittag bei einem privaten Zusammentreffen mit Regierungschefin Angela Merkel Thema gewesen.

Die meisten Grünen waren begeistert

Es gab Abgeordnete, die sich über den Verzicht auf jede Aktualität enttäuscht zeigten. Die Rede des Papstes, monierte etwa der Grünen-Politiker Volker Beck, hätte er lieber „in der Humboldt-Universität gehört“. Tatsächlich hat Benedikt eine philosophisch anmutende Grundsatzrede über politische Verantwortung gehalten. In den Grundfragen des Rechts, „in denen es um die Würde des Menschen und der Menschheit geht, reicht das Mehrheitsprinzip nicht aus“, hatte Benedikt gesagt. Geltendes Recht könne schließlich immer auch Unrecht sein, was sich schon bei der „sehr gut organisierten Räuberbande der Nationalsozialisten“ gezeigt habe. Daher brauche es für Politiker stets auch eine andere Gewissensprüfung. „Vom  Blick auf die Gottheit her wird entschieden, was unter den Menschen rechtens ist“, sagte Benedikt. Dabei verweis Benedikt auf das Naturrecht, das sich auch von göttlichen Geboten ableite.

Zu Europa sagte er in diesem Zusammenhang übrigens doch etwas: Dass dieses Naturrecht in Europa als Grundlage für das gemeinsame Recht zu kurz käme. Europa werde damit „gegenüber den anderen Kulturen der Welt in einen Status der Kulturlosigkeit gerückt“. Was genau er damit kritisierte, blieb am Ende aber unklar.

Die meisten Grünen waren am Ende von der Papstrede begeistert. Der Hinweis auf das Naturrecht verschaffte ihnen nämlich ein päpstliches Lob. „Ich würde sagen, dass das  Auftreten der ökologischen Bewegung in der deutschen Politik seit den siebziger Jahren zwar wohl nicht Fenster aufgerissen hat, aber ein Schrei nach frischer Luft gewesen ist“, hatte Benedikt gesagt.

Nach diesem Satz dreht sich Grünen-Chef Cem Özdemir anerkennend nickend zu seinen Sitznachbarn um und die Fraktion spendete spontan Beifall. Das galt auch für jene, die eigentlich gar nicht zum Papst-Auftritt kommen wollten.

Der Papst schien selbst davon überrascht. „Es ist ja wohl klar, dass ich hier nicht Propaganda für eine bestimmte Partei mache“, entgegnete er schmunzelnd. Und damit wich er an diesem Tag ein einziges Mal vom Manuskript ab.       

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