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Causa Wulff: Politiker an der Grenze zur Peinlichkeit

von Dieter Schnaas

Politiker sind, anders als Manager, auf die Publicity des Persönlichen angewiesen. Aber wo liegt die Grenze zwischen Selbstvermarktung und Selbst-Entblößung?

Christian Wulff und seine Frau Bettina Quelle: Laif
Im Bundespräsentieramt - Christian Wulff und seine Frau Bettina haben die Öffentlichkeit rege an ihrem Leben teilhaben lassen Quelle: Laif

Kein Zweifel, Christian Wulff hat seine teenagerhafte Verliebtheit zu Bettina Körner zelebriert. Er hat es offen und sichtlich genossen, an der Seite seiner Verhimmelten zu glänzen, sie stolz hergezeigt und vorgeführt, so wie Bettina Wulff sich stolz hat herzeigen und vorführen lassen. Jeder sah, nicht zuletzt dank "Bild“, dass sich hier Liebe und Selbstverliebtheit wechselseitig bespiegelten – und jeder sollte es sehen: zwei ins Glück ihrer Liebe Verliebte, ins Glück ihres Aufstiegs, ihres Ansehens, ihres Erfolgs. Das präsentierte Tattoo, die demonstrierte Freundschaft zu Veronica Ferres, die herausgeputzte Cover-Bettina im roten Minikleid – die Wulffs wollten mit sich selbst die Nation verzaubern. Ihre Entblößung war kein Manifest, sondern ein Statement ihres Narzissmus: Wir sind cool, kult und klasse – und weil das so ist, ist Deutschland es auch.

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Peinliche Publicity

Dass Bettina ihren Christian vielleicht nie ganz so cool fand wie er sie, weil er nur Bundespräsident war und kein "Womanizer" wie einst der Rettungsschwimmer Tom und auch der Achim, dass sie schon immer gefunden habe, der Christian sei ein Typ "ohne Ecken und Kanten" ohne "Eigenes und Besonderes" – nun, seit es in der Beziehung kriselt und Bettina um ihren Wikipedia-Eintrag fürchten muss, wird uns nicht einmal mehr das vorenthalten. Genug. Hier ist nur von Interesse, dass Bettina Wulffs in jeder Hinsicht beschämendes Buch nur ein weiterer Beleg ist für die Tatsache, dass die Publicity des Privatlebens oft genug bei der Self-Promotion anfängt – und bei der Peinlichkeit endet.

Kaum zu glauben, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Private noch politisch war und die Selbst-Entblößung ein Manifest. Kein halbes Jahrhundert ist das her. Damals zogen junge Frauen blank, weil sie vom Bundesgerichtshof zum "engagierten ehelichen Beischlaf" verdonnert worden waren. Sie lüpften ihre T-Shirts, um das Recht auf ihren eigenen Körper und sexuelle Erfüllung zu erstreiten. Und sie präsentierten ihre schwangeren Bäuche, weil sie nicht länger willens waren, von ihren Ehemännern zu bloßen Gebär-Müttern degradiert zu werden.

Politischer Alltagssexismus

Kurzum, frau stellte damals fest, dass der kleine Unterschied große Folgen hatte. Offenbar war das helle Licht der Aufklärung über die Hälfte der Bevölkerung hinweggegangen: über die Männer nämlich, die tags rudelweis’ über Büroflure schlenderten, um mit muskulösem Alltagssexismus nach verlässlich untergeordneten Betriebsweibchen zu schnappen – und die dann abends mit aufgeschobenem Appetit nach Hause kamen, den die alleinerziehende Gattin mindestens befriedigend zu stillen hatte.

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 14.01.2013, 23:26 Uhrmathias

    Herr Schnaas
    ich könnte jetzt hier ganz gemein schreiben

    "jedes Volk erhält die Politiker, die es verdient"

    Oder Sie begehen "Majästetsbeleidigung"

    Das sind Deutschlands "ELITE"?
    Ironie aus!

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