
HANNOVER. Die Kanzlerin sitzt in der ersten Reihe rechts. Ihre beste Freundin hat sie neben sich, Annette Schavan, die eng vertraute Bildungsministerin. Die Männer sitzen auf der anderen Seite, durch einen Gang von ihr getrennt. Die Marktkirche in Hannover ist gut gefüllt, vorne bläst eine Frau in sackartigem Gewand Mittelalterliches auf der Sopranblockflöte. „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen“, zitiert Landesbischöfin Margot Käßmann aus dem Evangelium. Merkel blickt demütig zu Boden. Roland Koch und Jürgen Rüttgers kommen zu spät, sie nehmen in der zweiten Reihe Platz. Dann ist es wieder Zeit für die Sopranblockflöte. So beginnt an diesem Montagmorgen der 21. Parteitag der Christlich-Demokratischen Union Deutschlands. Das ist vielleicht eine etwas pompöse Bezeichnung für die Veranstaltung in Hannover. Parteitag, da denkt man an hitzige Redeschlachten, an Machtdemonstrationen, Intrigen und großes Politikkino. Was da auf dem Messegelände zu Hannover-Laatzen in Halle 13 stattfindet, hat mehr von einer überdimensionalen Weihnachtsfeier. Man sitzt schön gemütlich zusammen, die Chefin hält eine Rede, und am Abend wird tüchtig getrunken. Angela Merkel beginnt ihre Parteitagsrede, wie immer in letzter Zeit, mit einer Auflistung der Erfolge ihrer Regierung. „Wer, wenn nicht wir, soll von diesen Erfolgen sprechen“, fragt sie in den Saal. Dort lesen Delegierte derweil Zeitung, plaudern und saugen an Tetrapaks mit „Rotbäckchen“-Saft, die für den Durst bereitstehen. Doch dann kommt die Kanzlerin zu einem Punkt, der viel Resonanz erfährt in Deutschland und in der CDU. „Übrigens“, sagt sie ganz beiläufig. „Es ist viel gesagt worden über Managergehälter.“ Gegen die sie gar nichts habe, solange tüchtige Leute auf der Empfängerseite stünden. „Was ich aber überhaupt nicht verstehe: Warum wird mit Geld überschüttet, wer auf ganzer Linie versagt?“ Da geht zum ersten Mal eine Welle lebhaften Applauses durch die Reihen. In Japan, rechnet Merkel vor, verdiene ein Konzernchef nur das Zwanzigfache eines Arbeiters und das Doppelte eines deutschen Kanzlers – „wenn er nicht gerade in der Schweiz Geschäfte für russisches Gas macht“. Die Wirtschaft geißeln und dabei auch noch Gerhard Schröder eine mitgeben – da jubeln die Delegierten. Merkel indessen hat für alle etwas dabei. Dem Wirtschaftsflügel verspricht sie ein Neuverschuldungsverbot im Grundgesetz. „Vorfahrt für Arbeit“, beteuert sie, sei kein Slogan, sondern ein Handlungsauftrag, und an der Rente mit 67 werde nicht gerüttelt. Damit sich der Sozialflügel nicht ängstigt, fügt sie hinzu, dass es eine „Rente mit 70 oder mit anderen Zahlen“ nicht geben werde und man den Leuten nicht unnötig Angst machen dürfe. Die Konservativen freuen sich über den Satz, dass „Moscheekuppeln nicht demonstrativ höher gebaut werden dürfen als Kirchtürme“. Und dass die SPD die Agenda 2010 verraten und mit dem Wort „Sozialismus“ im neuen Parteiprogramm den Weg in den Totalitarismus angetreten hat, das hört im Saal jeder gern. Und die CDU selbst? Wo ist ihr Ort, was leitet ihr Handeln? Merkels Antwort besteht aus einem Grundsatzprogramm, das in Hannover verabschiedet werden und die Partei familien- und innenpolitisch behutsam modernisieren soll. Und aus einem einzigen Wort, das nicht weniger als 31 Mal in ihrer Rede vorkommt: „Mitte“. „Da, wo die Mitte ist, sind wir“, sagt sie zum Abschluss. „Und da, wo wir sind, ist die Mitte.“ Die Delegierten erheben sich, klatschen lang und ausdauernd. Man sieht viele satt lächelnde Gesichter. Die Kanzlerin, so viel steht fest, hat die Stimmung im Saal getroffen. Es ist eine merkwürdige Stimmung, eine Art schläfriges Behagen, ähnlich dem Gefühl, das man nach dem Genuss von viel Punsch und Plätzchen bekommt: Niemand regt sich auf, niemand ist wütend über das, was sich da vorn abspielt. Auch nicht begeistert. Niemand ereifert sich, weil er leidenschaftlich für oder gegen etwas kämpft. Was es gelegentlich gibt, ist ein grummeliges Unwohlsein, ob das alles wirklich gut ist für die Partei. Aber das lässt sich gut bekämpfen, indem man sich über den Leitantrag beugt, der an diesem Tag einstimmig verabschiedet wird: Dort steht fast alles drin, wofür man ist und wogegen, von Steuervereinfachung (dafür) bis Ausbildungsabgabe (dagegen). Einer, der sein Unwohlsein in Worte fasst, ist Günther Oettinger. Er meint den Post-Mindestlohn, den die Union jetzt doch mitmachen wird. „Sehr überzeugend ist das alles nicht“, findet der baden-württembergische Ministerpräsident. Die Präsidiumsbank hinter dem Rednerpult ist fast leer, am Rand plaudert Kauder mit Schäuble, und ein müder Peter Müller stützt das schwere Haupt in die Hand. Im Saal ist nur der Block, wo die Delegierten aus Baden-Württemberg sitzen, gut gefüllt. Ansonsten spricht Oettinger vor leeren Reihen.













