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CDU-Politiker Bosbach: Ortstermin eines Abweichlers

von Saskia Littmann

Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach zeigt sich unbeeindruckt von der Kritik an seinem Nein zum Euro-Rettungsschirm und geht mit seiner eigenen Partei hart ins Gericht.

Wolfgang Bosbach
Foto: Arno Quelle: dpa
Wolfgang Bosbach Foto: Arno Burgi dpa Quelle: dpa

Der Beschimpfte gibt sich überrascht. „Vielen Dank, dass Sie einen Abweichler wie mich so freudig begrüßen“, ruft  Wolfgang Bosbach den rund 130 Mitgliedern des nordrhein-westfälischen CDU-Wirtschaftsrates zu, die ihn im Düsseldorfer Industrieclub begrüßen. Es ist der erste öffentliche Auftritt des CDU-Politikers, nachdem er am vergangenen Donnerstag im Bundestag dagegen gestimmt hat, den  deutschen Anteil am Euro-Rettungsschirm EFSF von 123 Milliarden auf 211 Milliarden Euro aufzustocken.

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Die CDU sind gespannt: Wie  verkraftet der Innenexperte der Union die Anfeindungen seines Kollegen, Kanzleramtsminister Ronald Pofalla. Er soll Bosbach nach einer Probeabstimmung in der CDU-Landesgruppe Nordrhein-Westfalen mit den Worten beleidigt haben: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen“ und „Du machst mit deiner Scheiße alle Leute verrückt“.

Doch Bosbach lässt sich nichts anmerken. „Ich habe das Thema für mich persönlich abgehakt“, sagt der 59-Jährige. Sowohl persönlich als auch politisch bleibe nichts zurück, schließlich wolle er weiter professionell mit Pofalla zusammen arbeiten. Bisher habe man zwar nur miteinander telefoniert, ein persönliches Gespräch sei aber für die übernächste Woche, der nächsten Sitzungswoche im Bundestag, geplant. Mittlerweile sieht Bosbach die Ereignisse sogar mit ein wenig Abstand. Eigentlich sei es ja nur ein gängiges Vorurteil, dass man als Mitglied einer Partei auch zwingend deren Meinung vertreten müsse, witzelt er. Die Zuhörer lachen, Bosbach kommt an im Düsseldorfer Industrie-Club.

Stabile Seitenlage für Griechenland

Mit dem gewohnt rheinischen Akzent erklärt er, wie er überhaupt zu seiner Entscheidung gekommen ist. Bisher hat der CDU-Politiker in seiner 17-jährigen Karriere als Abgeordneter immer mit seiner Partei mitgestimmt. Als Griechenland die auferlegten Konsolidierungsziele zum ersten Mal nicht erreichte, kamen Bosbach allerdings Bedenken. Einfach die Kriterien für die Kreditvergabe zu verschärfen und in der Folge neue Kredite zu vergeben, das kam ihm Spanisch vor. „Wenn ich einem Hochspringer die Latte auf zwei Meter lege, und er mir sagt, er schaffe diese Höhe nicht, kann ich die Latte nicht um 30 Zentimeter höher legen und erwarten, dass er den Sprung schafft“, argumentiert Bosbach. Griechenland fehle es schließlich nicht am politischen Willen, die Vorgaben von EU-Kommission, Internationalem Währungsfonds (IWF) und Europäischer Zentralbank (EZB) zu erfüllen.

Es fehle den Helenen schlicht an der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Mit einem solchen Rettungsschirm erkaufe die Politik sich nur mehr Zeit. „Wir heilen den Patienten nicht, wir bringen ihn nur in die stabile Seitenlage“, sagt Bosbach. Er persönlich ist der Ansicht, dass sich Griechenland auf Dauer nicht aus eigener Kraft finanzieren kann. „Über einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone oder eine Umschuldung kann aber nur in Athen entschieden werden“.

Kritik an der eigenen Partei

Scharfe Worte fand Bosbach für die Diskussionskultur in seiner Partei. „Die CDU tut sich mit einer Einheitsmeinung keinen Gefallen“, so der Politiker. Faire Diskussionen hätten der Demokratie schließlich noch nie geschadet. Die Partei solle sich wieder stärker auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Die wesentlichen Debatten im Bundestag seien sehr von sozialpolitischen Fragen geprägt. Dabei dürfe der Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen und der sozialen Leistungsfähigkeit in Deutschland nicht verloren gehen, so Bosbach. „Die Regierung darf es nicht versäumen, die  politischen Rahmenbedingungen für Wachstum zu schaffen.“

Bosbach selber ließ eine erneute Kandidatur bei der Bundestagswahl 2013 offen. „Wäre ich vor zwei Wochen gefragt worden, hätte ich sicher zugestimmt“, sagt der Bundestagsabgeordnete. Nach den Ereignissen der letzten Tage sei das aber nicht mehr sicher.

Als wolle er seinen Kritikern noch einmal beweisen, dass seine Entscheidung keine Entscheidung gegen Europa war, sondern nur ein Nein zur Ausweitung des Rettungsschirms, schließt Bosbach seine Rede mit den Worten „Wir suchen immer nach der besten europäischen Lösung, in der Hoffnung, dass die gut ist für Deutschland“. Den Anwesenden scheint es zu gefallen, der Applaus fällt am Ende noch länger aus als zu Beginn. Für sie ist Bosbach kein Abweichler, sondern ein Abgeordneter, der zu Recht seine Meinung vertritt.

8 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 09.10.2011, 12:47 UhrAnonymer Benutzer: Mutti Undankbar

    Sic transit gloria mundi

    Das hat der Mann nun davon, stets den Wochenendkanzler
    zu spielen, wenn die Kanzlerin und ihre Pressestelle im
    Wochenende weilten.
    immer, wenn die Medien dann ein Statement brauchten,
    stand dieser Mann in Anzug und Krawatte vor bergischer Fachwerkkulisse und sprach über alles und jedes.

  • 08.10.2011, 21:32 UhrAnonymer Benutzer: Hessilanty

    Lieber K u r t :
    Das mit den sogenannten Abweichlern hat die SPD schon vor geraumer Zeit in Hessen zerlebriert. Da haben sich vier mutige Abgeordnete an ihren Amtseid erinnert und zum Wohle der bevölkerung eine von der PDS / SED tolerierten rot-grünen Mehrheit verhindert.
    Auch sie wurden beschimpft und herausgedrängt.

    Auch die abgewirtschaftete Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein hatte die Aufrechten / Mutigen in ihrer Partei als "Abweichler" verfolgen lassen.

    PS
    Es drängt sich die Vermutung auf, daß unser ehemalige bundespräsident als ausgewiesener (Finanz)-Fachmann das üble Spiel durchschaut hatte und nicht bereit war, sich vor den Karren spannen zu lassen.

    Hilfe kann man vom derzeitigen Präsidenten wohl kaum erwarten - denn dann hätte man ja auch den alten behalten können.

  • 08.10.2011, 19:46 UhrAnonymer Benutzer: Kurt

    Es ist erschreckend, was in diesem Land und in der christlichen und angeblich „demokratischen“ Union inzwischen so alles passiert. Da gibt es einige wenige Abgeordnete, die sich ehrlicherweise noch in erster Linie für ihre Wähler verantwortlich fühlen, die dies auch mit Mut - und wohlbegründet - bekennen, und die bei Abstimmungen schließlich dann auch konsequent entsprechend handeln. Und genau diese Abgeordnete werden von ihren Partei-Kollegen in übelster Weise (Pofalla) beleidigt und von den allermeisten Medien als „Abweichler“ diffamiert. Wenn schließlich auch die bRD bald am Pleiteabgrund steht, wird man sich dieser mutigen Abgeordneten erinnern, aber dann ist es zu spät. Wie die CSU heute demonstriert hat, will sie auch kein „EURO-Störfeuer“ seitens eines Peter Gauweiler, Horsti wird bei der Gr-Rettung umfallen wie stets, wenn es ernst wird, vom VerfG (Voßkuhle) kommt nur noch heiße Luft, Wulff bellt mal, aber beißen wird er nie (siehe einst Rechtschreibreform – umgefallen !!!) … SPD/GRÜNE/LiNKE sind einhellig für Eurobonds. Von der FDP erwartet man schon gar nichts mehr. Das ist Deutschland.
    Schöne Aussichten !

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