CDU: Wahlkampf: Einer wird gewinnen

CDU: Wahlkampf: Einer wird gewinnen

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Der hessische Ministerpraesident Roland Koch steht am Samstag, 19. Jan. 2008, auf dem kleinen Parteitag der CDU Niedersachsen in Goettingen vor einem Wahlplakat mit seinem niedersaechsischen Amtskollegen Christian Wulff. In Niedersachsen und Hessen wird am 27. Jan. 2008 ein neuer Landtag gewaehlt.

WirtschaftsWoche-Chefreporter Dieter Schnaas über die bundespolitische Zukunft der Wahlkämpfer Roland Koch und Christian Wulff.

Für Roland Koch ist es nicht nur ein Wahl-, sondern auch ein Abstiegs-, Existenz- und Überlebenskampf. Frühmorgens um acht steht er an diesem Freitagmorgen in der Lounge der Brit-Arena, Arbeitsfrühstück beim Zweitligisten SV Wehen Wiesbaden, es ist der erste von fünf Terminen an diesem Tag, die erste von fünf fast gleichlautenden Reden, der Raum ist prall gefüllt mit CDU-Anhängern, und Koch stimmt sie auf ein „heftiges, emotionsgeladenes Spiel mit offenem Ausgang“ ein. „Hessen ist ein knappes Bundesland“, bebt und donnert der Ministerpräsident, „wir haben eine scharfe nationale Diskussion“, „endlich Wahlkampf“ und: „Das ist gut so“ – schließlich müsse man sich gegen den „konzentrischen Angriff von drei linken Parteien“ zur Wehr setzen, „gegen die SPD, die Grünen und die Alt-Kommunisten“.

Es ist, als müsse Roland Koch sich nach neun Jahren Zweite Politikliga in Rage reden, um sich noch einmal für Hessen zu motivieren. Erst konstruiert er ein nationales Aufreger-Thema – kriminelle junge Ausländer – als persönliches Aufputschmittel; dann stilisiert er ein zweites – Lagerwahlkampf „links“ gegen „rechts“ – zum Präzedenzfall für Deutschland; schließlich wird klar, um was es Koch bei dieser Landtagswahl vor allem geht: um eine Abstimmung über seinen Politikstil und seine bundespolitische Zukunft.

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Tatsächlich ist Kochs Botschaft, adressiert an Angela Merkel und seine Partei, unmissverständlich: Seht her, ich, Roland Koch, führe den Beweis, dass Polarisierung und konservative Kante mehrheitsfähig sind in Deutschland und dass das demoskopische Patt zwischen CDU/FDP und SPD/Grüne/Linke durchbrochen werden kann – wenn man nur den Mut hat, die Wähler vor Alternativen zu stellen. Dass Koch dabei so weit geht, sich selbst in die Enge zu treiben und seine persönliche Entscheidung geradezu herbeizwingt, bereitet ihm eher sehnsüchtiges Vergnügen: In zwei Monaten wird Koch 50; er will bundespolitische Optionen gewinnen – oder endgültig verlieren.

Für Christian Wulff ist es weniger ein Wahlkampf, vielmehr das Zelebrieren seiner Abwesenheit. Mittags um halb zwölf hat er an diesem Samstagmorgen seinen ersten Termin, Neujahrsempfang der „Braunschweiger Zeitung“, die lokale Prominenz feiert den Start ins Sportjahr 2008, es gibt Lachs und Perlwein an weiß eingedeckten Stehtischen, sechs Cheerleader stehen Spalier und bepuscheln die eintreffenden Gäste, Wulff hat natürlich zwei höfliche Worte für sie übrig, dann überspringt er die am Eingang aufgebaute Hürde, reicht seine Hand und sein Lächeln herum: Bahn frei für den niedersächsischen Ministerpräsidenten. Wenig später ist Wulff bei einer Kinderpressekonferenz zu Gast, anderthalb Stunden nimmt sich der Landesvater dafür Zeit, man erfährt unter anderem, dass Wulff gerne Blau trägt, mehr als 100 Krawatten besitzt, unter den Zootieren die Tapire bevorzugt, als Kind gerne Busfahrer werden wollte und es heute bedauert, nicht Klavier spielen zu können.

Es ist, als müsse Christian Wulff nach fünf Jahren an der Spitze des Landes Niedersachsen vor allem nichts tun, um auch nach dem 27. Januar seinen „Traumberuf“ Ministerpräsident ausüben zu können. Wulff vermeidet jegliche Dissonanz im » Wahlkampf, sperrt die hessischen Störgeräusche aus, sucht Niedersachsen schallsicher abzudichten gegen bundespolitischen Lärm. Er distanziert sich in Form, Ton und Inhalt von Kochs Kriminal-Kampagne, er hebt hervor, dass es ihm um Integration, Prävention und Bildungsangebote geht, er gibt den präsidialen Mann der Mitte, den Schiedsrichter und Schlichter, der „gemeinsam“ für alle (Niedersachsen) etwas erreichen will, weil es selbstverständlich auch unter Sozialdemokraten „viele vernünftige Leute“ gibt – und er leugnet dabei so ostentativ bundespolitische Ambitionen, dass man fast geneigt ist, es ihm vorerst zu glauben – wenn, ja wenn er sich nicht gerade deshalb wie von selbst anböte als Kronprinz von Angela Merkel: nicht so großstädtisch-liberal wie Ole van Beust (Hamburg), nicht so sozialdemokratisch wie Peter Müller (Saarland) und Jürgen Rüttgers (Nordrhein-Westfalen), nicht so nationalkonservativ wie Roland Koch (Hessen), nicht so schneidig arbeitgebernah wie Günther Oettinger (Baden-Württemberg), nicht so machtverbissen wie die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende selbst..., sondern: wie die denkbar angenehmste Schnittmenge aller politischen und persönlichen Vorzüge, die die CDU je zu bieten hatte.

Tatsächlich erweckt Christian Wulff den Eindruck, er müsse niemandem etwas beweisen in diesem Wahlkampf, als laufe alles wie von selbst auf ihn zu – das ist seine Botschaft: Seht her, ich, Christian Wulff, der jüngste Ministerpräsident in Deutschland, kann der CDU Mehrheiten sichern mit vernünftiger Arbeit und verlässlicher Politik, um Ausgleich bemüht und um Vertrauen werbend; es eilt nicht, aber meine Zeit wird kommen, die nächsten fünf Jahre gehören Niedersachsen, klar, aber ich bin bereit, wenn ihr mich ruft.

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