Chef der Wirtschaftsweisen: Keine Investitionslücke in Deutschland

exklusivChef der Wirtschaftsweisen: Keine Investitionslücke in Deutschland

Bild vergrößern

Die Debatte um die Frage nach einer Investitionslücke in Deutschland geht weiter.

Nach Ansicht des Chefs der Wirtschaftsweisen, Christoph Schmidt, kann von einer Investitionslücke in Deutschland keine Rede sein. Damit widerspricht der Vorsitzende des Sachverständigenrats in der WirtschaftsWoche den Forschern des DIW, die bei den gesamtwirtschaftlichen Investitionen eine Mangel von 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr in Deutschland sehen.

Hinter der These der Investitionslücke stecke "eine völlig willkürliche Annahme". Vermutlich hätten die Investitionen aus guten Gründen nicht stattgefunden, "weil ihre erwartete Rendite nicht hoch genug war". Deshalb plädiere der Sachverständigenrat dafür, die Rahmenbedingungen für Investitionen in Deutschland zu verbessern. "Unsere Wirtschaftspolitik kann sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen", verlangte Schmidt in der WirtschaftsWoche.

Schmidt warnte zudem vor staatlichen Investitionen als Ausgleich für unterbliebene strukturelle Reformen: "Das ist, als ginge man als übergewichtiger Mensch zum Arzt. Eigentlich müsste der mir empfehlen, mich gesünder zu ernähren und mehr Sport zu treiben. Das ist mühsam und dauert lange, aber es hilft nachhaltig." Stattdessen laute der Ratschlag: "Fettabsaugen reicht auch, geht problemlos."

Anzeige

Eckdaten des Bundeshaushalts 2014 bis 2018

  • Bundeshaushalt 2014

    Geplant sind Ausgaben von 296,5 Milliarden. Die Steuereinnahmen werden mit 268,2 Milliarden Euro veranschlagt. Zur Deckung der Lücke zwischen den gesamten Einnahmen und Ausgaben werden 6,5 Milliarden Euro neue Schulden gemacht. Rechnet man Konjunktureffekte heraus, weist das Budget einen "strukturellen" Überschuss von 0,05 Prozent der Wirtschaftskraft aus.

  • Bundeshaushalt 2015

    Geplant sind Ausgaben von 299,5 Milliarden. Die Steuereinnahmen werden mit 278,5 Milliarden Euro veranschlagt. Erstmals seit 1969 muss der Bund keine neuen Schulden aufnehmen.

  • Planung bis 2018

    Auch in den kommenden Jahren will die Koalition ohne neue Kredite auskommen. Die Ausgaben steigen bis 2018 auf 329,3 Milliarden Euro. Die Steuereinnahmen dürften dann bei 311,8 Milliarden Euro liegen.

  • Investitionen

    Die Investitionsquote sinkt in der mittelfristigen Finanzplanung weiter. Dieses Jahr sind 25,5 Milliarden Euro geplant. Gegen Ende des Finanzplans stagnieren sie zwischen 27 und 28 Milliarden Euro. Gemessen am wachsenden Ausgabenrahmen sinkt damit der Anteil der Investitionen im Haushalt.

  • Soziales und Bildung

    Für Rentenkassen, Gesundheitssystem und Familienleistungen ist 2015 ein Anstieg auf gut 153 Milliarden Euro geplant, bis 2018 sollen es fast 172,3 Milliarden sein. Für Bildung, Wissenschaft und Forschung stehen 2015 insgesamt fast 21,3 Milliarden Euro bereit, 2018 sollen es fast 24 Milliarden Euro sein.

  • Handschrift der Koalition

    Überschüsse sind in der aktuellen Finanzplanung nicht vorgesehen. Die in den vergangenen Jahrzehnten aufgelaufenen Bundesschulden von rund 1300 Milliarden Euro werden sozusagen eingefroren. Weil zugleich das Bruttoinlandsprodukt steigt, geht die Schuldenquote gemessen an der Wirtschaftskraft aber zurück – von 76 Prozent 2014 auf unter 70 Prozent bis Ende 2017. Für Zinsen auf die Altschulden sind 2014 und 2015 rund 27 Milliarden Euro fällig. Das ist der zweitgrößte Etatposten. Am meisten Geld fließt ins Sozialsystem, vor allem in die Rente.

  • Entlastung von Ländern und Gemeinden

    Der Bund will Länder und Gemeinden etwa bei der Bildung und der Kinderbetreuung um sechs Milliarden Euro entlasten. So übernimmt er ab 2015 alleine die Finanzierung der Ausbildungsförderung für Schüler und Studenten (Bafög). Zudem sollen in dieser Legislaturperiode zusätzlich fünf Milliarden Euro in die öffentliche Verkehrsinfrastruktur fließen und somit Straßen, Brücken und Schienen saniert werden.

Konkret könne die Politik sagen: "Dann machen wir ein bisschen was an den Investitionen, schon stimmt das Wachstum. Die strukturellen Reformen bleiben dann liegen. Mir ist das zu leichtfertig und zu verführerisch für die Politi"“, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

DIW-Präsident Fratzscher warnt: "Deutschland lebt von seiner Substanz" - Investitionslücke von 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr

In der Debatte um eine Investitionslücke in Deutschland beklagt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) eine zu positive Wahrnehmung der wirtschaftlichen Stärken und Schwächen. "Deutschland lebt von seiner Substanz. Produktivität und Wachstum in Deutschland lagen in den vergangenen beiden Jahrzehnten unter den Werten der meisten anderen europäischen Länder", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher der WirtschaftsWoche. Die 60 Prozent der Deutschen mit den geringsten Einkommen hätten heute geringere Reallöhne als im Jahr 2000, zudem sei auch die Armutsquote in den letzten 20 Jahren gestiegen. "Der Schlüssel für diese Schwächen liegt bei den geringen und stark gesunkenen Investitionen in Deutschland, die zu den niedrigsten aller Industrieländer zählen. Die Berechnungen unserer DIW-Studien zeigen eine Investitionslücke von 80 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr."

Investitionslücke Die GroKo wehrt sich gegen Ökonomen-Kritik

Die Wirtschaftsweisen kritisieren: Die große Koalition gefährdet mit ihrer Wohlfühlpolitik die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Das wollten SPD und Union bei einer Diskussionsveranstaltung nicht auf sich sitzen lassen.

Wolfgang Schäuble Quelle: dpa

Diese Summe macht nach Fratzschers Worten weniger als die Hälfte der Ersparnis deutscher Unternehmen und Bürger aus. Sie liege netto bei über 200 Milliarden Euro pro Jahr, „die wir ins Ausland verleihen und auch zum Teil im Ausland verlieren“. Das Geld könne im Inland besser genutzt werden: "Die Investitionslücke besagt, dass wir deutlich mehr Produktivität, bessere Löhne und mehr Wachstum hätten, wenn durch bessere Rahmenbedingungen auch nur die Hälfte dieser Nettoersparnis im Inland investiert würde."

Das Institut habe ermittelt, welche aktuellen Hindernisse dies bremsen. Dazu zählten die Unsicherheit über die Entwicklung der Energiepreise und die Befreiung von Umlagen, der Facharbeitermangel, Schwächen bei Bildung sowie der unzureichenden Verkehrs- und digitalen Infrastruktur Auch der Staat habe sich mit Investitionen "schon viel zu sehr zurückgezogen". Der Anteil der Investitionen am Bundeshaushalt sei von 13 Prozent in den 70er Jahren auf nur noch acht Prozent gesunken. "Unser Wettbewerbsvorteil wird kleiner", so Fratzscher in der WirtschaftsWoche. "Es geht nicht darum, ob wir heute Spitze sind, sondern wie wir Spitze bleiben."

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%