
Es war eine gesellige Runde, die sich Ende September in einem der feinsten Restaurants Shanghais traf. Aus Düsseldorf war ThyssenKrupp-Chef Ekkehard Schulz angereist. Krupp-Repräsentanten aus Peking und Hongkong gesellten sich mit anderen deutschen Wirtschaftsvertretern dazu. Die Stimmung war gelöst, auch weil Schulz am nächsten Tag in Shanghai die ThyssenKrupp Technology Days eröffnen wollte, eine Technologieschau des Konzerns. Bei Häppchen, Rotwein und Tsingtau-Bier plauderten die Geschäftsleute über das beherrschende Thema dieser Tage – die deutsch-chinesischen Beziehungen. Wenige Tage zuvor hatte die chinesische Regierung heftig gegen den Empfang des Dalai-Lama durch Bundeskanzlerin Angela Merkel im Berliner Kanzleramt protestiert. Der Donner werde in wenigen Tagen verhallt sein, versicherten sich die Thyssen-Manager in der Shanghaier Runde. „Nach ein paar Tagen“, hieß es zuversichtlich, „gehen die Chinesen wieder zur Tagesordnung über.“ Auswirkungen auf das deutsche Chinageschäft seien ohnehin nicht zu befürchten. Irrtum. Knapp sieben Wochen nach dem Empfang des tibetischen Oberhaupts in Berlin haben die deutsch-chinesischen Beziehungen einen Tiefpunkt erreicht. „Die Deutschen hatten gedacht, die Angelegenheit sei nach drei Wochen ausgestanden“, sagt heute ein hochrangiger Vertreter der chinesischen Regierung, „das ist sie aber sicherlich nicht.“ Mittlerweile glauben auch die deutschen Beteiligten nicht, dass sich bei den politischen Beziehungen bis zur Bundestagswahl 2009 viel bewegen wird. Offizielle Besuche dürfte es in den kommenden Monaten nur wenige geben. Ungewiss ist beispielsweise, ob der für Mitte Dezember geplante Besuch von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zustande kommen wird. Im Zorn auf die deutsche Regierungschefin lassen viele Chinesen ihrem Nationalismus freien Lauf. Auf chinesischen Internet-Seiten finden sich neben Beleidigungen der deutschen Kanzlerin auch regelrechte Boykottdrohungen: „Wenn ich das nächste Mal einkaufen gehe, werde ich sicherlich nicht zu deutschen Produkten greifen.“ Die chinesische Stimmungsmache vergrößert immens die Unsicherheit der deutschen Wirtschaft, für die einiges auf dem Spiel steht. Mit einem Handelsvolumen von gut 78 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr ist Deutschland auf Rang sechs der wichtigsten Handelspartner Chinas. Auch wenn die Handelsbilanz einen deutlichen Überschuss zugunsten Chinas aufweist – das Volumen der Waren und Dienstleistungen, die deutsche Unternehmen jedes Jahr ins Reich der Mitte liefern, ist in den vergangenen Jahren beachtlich gewachsen. 3000 deutsche Unternehmen haben bis heute in der Volksrepublik mehr als 14 Milliarden Dollar investiert. Viele mittelständische Firmen sind darunter, für die das Chinageschäft einen erheblichen Teil des Gesamtumsatzes ausmacht. Bei großen Infrastrukturprojekten, im Anlagen- und Maschinenbau sowie in der Chemie- und Elektroindustrie waren die Deutschen in China gern gesehene Partner – bislang.
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Damit könnte es fürs Erste vorbei sein. Sun Shuyi, der stellvertretende Vorsitzende des chinesischen Unternehmerverbandes CFIE, spricht von „falschen Äußerungen der deutschen Regierung zu Tibet und zum Dalai-Lama“ und von „unbegründeter öffentlicher Kritik an China“. Die Folge, droht Sun, sei „große Unzufriedenheit bei den chinesischen Unternehmen“. Deutsche Wirtschaftsvertreter interpretieren das als ernst zu nehmende Warnung. Wie sehr die Nerven bei den deutschen Verantwortlichen blank liegen, zeigte sich am Abend des 8. November. Merkels Vorgänger Gerhard Schröder hatte in Peking eine Rede zum Thema „Entwicklung einer harmonischen Gesellschaft in China“ gehalten. Anschließend gab er der staatlichen chinesischen Tageszeitung „China Daily“ ein Interview. Darin kritisierte er Merkels Treffen mit dem Dalai-Lama heftig. Beim Dinner mit chinesischen Regierungsvertretern und Repräsentanten der deutschen Wirtschaft – darunter Richard Hausmann, Präsident der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Peking und CEO von Siemens in China – bemühte sich der Altkanzler um Schadensbegrenzung. Im demonstrativen Einvernehmen mit Schröder hätten sich auch die meisten deutschen Industrievertreter von Merkel distanziert, berichtet ein Teilnehmer. „Hochinteressant“ sei es zu beobachten gewesen, „wie sich die Deutschen bei den Chinesen anbiederten.“













