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Christian Illies über Stuttgart21: "Wie die Unterstadt in Metropolis"

von Christopher Schwarz

Der Philosoph Christian Illies über die Symbolik des Stuttgarter Bahnhofs und den Streit um architektonische Großprojekte in Zeiten der Identitätsverunsicherung.

WirtschaftsWoche: Mit Stuttgart 21 soll nicht nur ein neuer Bahnhof, sondern auch ein neues, citynahes Stadtviertel entstehen. Die Befürworter sprechen von einer „städtebaulichen Jahrhundertchance“. Aber die Reaktion der Öffentlichkeit ist allenthalben matt. Die Aussicht auf neue, große Architekturprojekte hat offenbar nichts Inspirierendes mehr, im Gegenteil: Sie weckt Befürchtungen. Woran liegt das?

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Illies: Das hat zwei Gründe. Zunächst kommt da sicher eine gewisse Frustration zum Ausdruck. Die Deutschen haben schlechte Erfahrungen gemacht mit den großen architektonischen Projekten, die nach dem Krieg in mehreren Wellen ihre Städte tiefgreifend verändert und in aller Regel nicht lebenswerter gemacht haben. Denken Sie an die Innenstädte von Hannover oder Frankfurt. Da wurde bis in die Siebzigerjahre entschieden modern geplant und gebaut – ohne Gespür für das, was eine bewohnerfreundliche, vitale Stadt ausmacht.

Und der zweite Grund?

Im speziellen Fall Stuttgarts scheint das Unbehagen hinsichtlich der politischen Entscheidungsprozesse eine Rolle zu spielen. Viele Bürger haben das Gefühl, bei aller formaldemokratischen Korrektheit des Verfahrens nicht hinreichend beteiligt worden zu sein, so dass an ihnen vorbei gebaut wird. Gebaut wird dann für die Bahn und nicht für die Bürger.

Großprojekte wie Stuttgart 21 setzen heute andere Beteiligungsformen voraus als noch vor zwanzig, dreißig Jahren?

Ja, und wenn man bedenkt, wie es die Öffentlichkeit bis in die Siebzigerjahre hinein achselzuckend hingenommen hat, dass ganze Innenstädte ausradiert wurden, dann ist der Wunsch nach stärkerer Partizipation sicher ein Gewinn für unsere Demokratie. Als gelungenes Beispiel für Bürgerbeteiligung könnte man den Frankfurter Flughafens nennen, dessen jüngste Ausbauphase von Anfang an begleitet war durch eine intensive Beteiligung der Betroffenen - und deshalb friedlich verlief. Dergleichen ist in Stuttgart versäumt worden. Es ist auch unterschätzt worden, dass dieses Projekt große symbolische Bedeutung hat für die Menschen.

Was für eine symbolische Bedeutung hat der Stuttgarter Bahnhof für die Stuttgarter?

Ich kenne zwar die Stuttgarter Seele nicht so gut, aber so viel lässt sich sagen: Dass wir heute allgemein in einer Zeit der Identitätsverunsicherung leben. Es gibt ein wachsendes Gefühl der Verlorenheit, eine zunehmende Schwierigkeit sich lokal zu definieren. Umso wichtiger wird in einer solchen Phase die Selbstverortung durch greifbare, anfassbare Symbole. Und wenig bietet sich dafür so sehr an wie Bauwerke, die auf Grund ihrer Geschichtlichkeit einen besonderen Bezugspunkt für Identifikationen darstellen, die Herkunftsgeschichten erzählen und Erinnerungen festhalten, die sichtbar machen, woher wir kommen und wer wir sind.

Sie haben jüngst in der Süddeutschen Zeitung geschrieben, Architektur sei der öffentliche Ausdruck dessen, wie sich eine Gesellschaft versteht: „Wir wie bauen, zeigt, was uns wichtig ist und was wir wollen.“ Wenn wir uns den neuen Stuttgarter Bahnhof ansehen, was sagt uns dann dessen Gestalt über unsere Zeit und darüber, was unsere Gesellschaft sein will?

Die geplante 90-Grad-Drehung der Schienenführung und die Untertunnelung der Stadt – das signalisiert natürlich, welche enorme Bedeutung die Verkehrsinfrastruktur für unser Leben hat. Die große neue Mobilität kann alle geschichtlichen Bezüge aufheben und die Stadt gleichsam neu definieren. Aber es kommt etwas hinzu: Wenn aus einem Kopfbahnhof ein Durchgangsbahnhof wird, dann zeigt sich damit, dass die Stadt ein Haltepunkt  des potentiell unendlichen Bewegungsfelds der Wirklichkeit geworden ist. Die Stadt ist dann nur ein Zwischenstopp, eine Transitstation. Das hat etwas tief Symbolisches: Mit dem Verschwinden der Kopfbahnhöfe durch die Hochgeschwindigkeitsmobilität gibt es im Grunde kein definitives Ankommen mehr, sondern nur noch ein Durchfahren und Weiterfahren. Damit emanzipieren sich die Bahnhöfe tendenziell von der Region, der Landschaft, der Stadt, sie werden gleichsam exterritorial.

7 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 22.11.2010, 18:00 UhrAnonymer Benutzer: Sie sind wohl nicht von hier

    " Als gelungenes beispiel für bürgerbeteiligung könnte man den Frankfurter Flughafens nennen, dessen jüngste Ausbauphase von Anfang an begleitet war durch eine intensive beteiligung der betroffenen - und deshalb friedlich verlief. "
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    So einen Unfug habe ich selten gelesen.
    Die sog. MEDiATiON war von Anfang an ein klarer bürgerbeschiß.
    Als sie ins Leben gerufen wurde, war noch die SPD (Eichel) in Wiesbaden an der Macht. Aus schierer Angst vor der Wirtschaft und
    - natürlich - der CDU wurde dieser Laberverein begründet. Außerdem konnte Zeit gewonnen werden und die SPD mußte ihre Hasenfüßigkeit nicht gleich offenbaren.
    Was in der Mediation beschlossen wurde, war aber überhaupt nicht bindend und daher setzte sich dann auch die Planfeststellungsbehörde kaltklächelnd darüber hinweg.
    Und auch gegen das insgesamt positive Urteil des Verwaltungsgerichtshofs geht die Landesregierung in die nächste instanz.
    Alle Versprechungen des inzwischen geflohenen Ministerpräsidenten zum Nachtflugverbot hat dieser Mann wie ein Winkeladvokat relativiert.
    Was haben die Anwohner nun noch in der Hand ?
    NiCHTS - der Flughafen wird erweitert und nachts wird weiter geflogen.

    Das nennt der Professor "bürgerbeteiligung".
    ich nenne das "betrug von Anfang an und von allen Seiten".

  • 17.11.2010, 17:28 UhrAnonymer Benutzer: kitti

    bitte einfach mal nah Stuttgart kommen und die Seele erleben wollen und nicht einen ganzen bericht lang Anahmen von sich geben. Dann hätte ihr bericht sicherlich auch mehr Tiefe. Lauter Allgemeinplätze. Zeitverschwendung für alle!

  • 17.11.2010, 12:27 UhrAnonymer Benutzer: Sabine Bauer

    Die Vorteile von Stuttgart 21 liegen auf der Hand. Jetzt muss gebaut werden. Der Widerstand ist keine Ursache von mangelnder Kommunikation. Aber die Politik muss sich bewusst machen, dass bei zukünftigen Großprojekten die bürger wieder das Sagen haben wollen:
    http://bit.ly/abL0NQ

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