Christoph Schmidt: "Das Gute nicht dekretieren"

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Christoph Schmidt: "Das Gute nicht dekretieren"

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Christoph Schmidt betrachtet die Pläne der neuen Regierung kritisch. Seiner Meinung nach führen sie zu weniger Beschäftigung

von Bert Losse

Der Chef der fünf Wirtschaftsweisen fordert weitreichende Ausnahmen vom gesetzlichen Mindestlohn – und warnt vor staatlicher Einmischung in die Tarifpolitik.

WirtschaftsWoche: Professor Schmidt, sind Sie ein herzloser Mensch?

Schmidt: Nein, wieso?

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Weil Sie gegen den gesetzlichen Mindestlohn sind. Nach Lesart der Mindestlohnbefürworter wollen Sie nicht, dass Menschen von ihrer Arbeit leben können.

In der öffentlichen Meinung gilt der Mindestlohn mittlerweile per se als gut und sozial. Dass ich das anders sehe und dagegen argumentiere, hat mir in der Tat viele böse Briefe und Mails eingebracht. Gleichwohl bleibe ich bei meiner Einschätzung: Ein allgemeiner gesetzlicher Mindestlohn wird gerade den Schwachen voraussichtlich mehr schaden als nutzen. Wer versucht, das Gute politisch zu dekretieren, kann viel Schaden anrichten.

Zur Person

  • Zur Person

    Schmidt, 51, ist Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen.

Es gibt in Deutschland mittlerweile 13 Branchenmindestlöhne. Größere Jobverluste hat es dort bislang nicht gegeben.

Eine Reihe von Evaluierungen, die das Bundesarbeitsministerium in Auftrag gegeben hat, kam tatsächlich zu diesem Ergebnis. Allerdings ist die untersuchte Zeitspanne recht kurz. Die beteiligten Institute sollten auch nicht danach fragen, welche Folgen sich für die Kunden, die womöglich höhere Preise zahlen mussten, und für die aus dem jeweiligen Markt ferngehaltenen ausländischen Arbeitnehmer ergeben haben. Somit wurde eben nicht die Wirkung des undifferenzierten flächendeckenden Mindestlohns für alle untersucht. Sondern lediglich die Wirkung in speziellen Branchen wie dem Bau- oder dem Sicherheitsgewerbe.

Tarifpolitik Der Staat mischt in der Lohnfindung immer stärker mit

Mithilfe des gesetzlichen Mindestlohns wollen die Gewerkschaften bislang tariffreie Zonen für sich erschließen. Doch der Preis ist hoch: Der Staat wird zu einem immer mächtigeren Akteur in der Tarifpolitik.

Quelle: dpa

Bei einem einheitlichen Mindestlohn befürchten Sie also doch Jobverluste?

Ja. Es dürften auf lange Sicht einige 100.000 Stellen im Niedriglohnbereich wegfallen oder in die Schattenwirtschaft abwandern, wenn es rasch und ohne Differenzierung zu Mindestlöhnen von 8,50 Euro pro Stunde kommt. Ökonomisch betrachtet ist ein Mindestlohn der Versuch, bei bestehender Beschäftigung eine Einkommenshöhe durchzusetzen, die am Markt nicht zustande kommt. Davon profitieren jene, die ihren Job behalten, weil sie bei Unternehmen mit hoher Marktmacht und hinreichend preisunelastischer Nachfrage arbeiten. Die Zeche zahlen jene, die ihren Job verlieren – oder keinen bekommen.

Konkret: Welche Stellen sind in Gefahr?

Gerade in strukturschwachen Regionen können Dienstleistungsbetriebe mit geringer Gewinnmarge die höheren Löhne nicht auf die Preise überwälzen. Dann bleibt nur der Personalabbau. Wenn es die Betriebe auf ihren Absatzmärkten mit höheren Preisen versuchen, wird die Kundschaft schnell reagieren. Dann heißt es beim Haareschneiden der Kinder wieder do it yourself, und die Blumen für die Oma holt man nicht mehr beim Floristen, sondern am Wegesrand. Ich bin gespannt, wie Bevölkerungsumfragen zum Mindestlohn ausfallen, wenn die Leute merken, dass sie als Kunden einen Teil des höheren Lohns mitbezahlen müssen. Dieser Aspekt wird von den Befürwortern gern unterschlagen.

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