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Claude Mandil im Interview: ‚‚Wir können sparen‘‘

von hansjakob.ginsburg@wiwo.de und gerhard bläske (Paris)

IEA-Chef Claude Mandil über Defizite der deutschen Energiepolitik, über Kernkraftwerke und effizientere Energienutzung.

WirtschaftsWoche: Herr Mandil, Sie kritisieren den deutschen Ausstieg aus der Kernenergie. Warum? Mandil: Die IEA sieht auf längere Sicht für Deutschland keine tragfähige Energieversorgung ohne einen Anteil der Kernenergie, der noch nicht einmal groß sein muss. In unserem neuen Länderbericht, mit dem wir auf die deutsche Diskussion vor dem Energiegipfel am 3. Juli einwirken wollen, kritisieren wir drei Aspekte, einer davon ist die Haltung zur Kernenergie. Wie hoch sollte denn der Anteil der Kernenergie sein? Das kann ich nicht beantworten. Sie müssen nicht wie Frankreich 80 Prozent Ihres Stroms aus Kernkraftwerken beziehen. Im Prinzip gibt es keinen Mangel an Alternativen: Erdgas ist sehr gut, erneuerbare Energie hervorragend, und etwas Kohle im Energiemix ist auch gut, wenn es uns gelingt, den Austritt klimaschädlicher Stoffe in die Atmosphäre zu verhindern. Das müssen wir weltweit sowieso erreichen, denn Länder wie China, die USA und Australien können auf weitere Kohlekraftwerke überhaupt nicht verzichten. Auf jeden Fall aber ist Diversifizierung der Schlüssel zu gesicherter Energiever-sorgung. Also sollten so viele verschiedene Energieträger wie möglich genutzt werden? Ja, aber dazu kommen weitere Kriterien für eine gute Energiepolitik: Die Energieträger müssen wirtschaftlich sein – wir brauchen eine nachhaltige Entwicklung, gleichzeitig aber ökonomisches Wachstum und Umweltverträglichkeit. Daraus ergibt sich keine exakte Formel für den Anteil der Energieträger. Es ist aber schlecht, irgend etwas von vornherein zu verwerfen. Die Kernkraftgegner in Deutschland meinen, dass erneuerbare Energieträger immer mehr den Platz der Kernenergie bei der Stromerzeugung einnehmen können. So geht das aber nicht. Wenn Sie heute Kernkraftwerke abschalten, wird die Versorgungslücke erst einmal vermutlich durch mehr Strom aus Kohlekraftwerken geschlossen – mit den bekannten massiven Umweltproblemen durch den Kohlendioxydausstoß. Die zweite Möglichkeit ist noch größere Abhängigkeit vom Erdgas und damit letztlich von einem einzigen Lieferanten, nämlich Gazprom. Das wäre genau das Gegenteil von Diversifizierung. Aber die neuen Energieträger Windkraft, Sonnenwärme, pflanzliche Rohstoffe... ...alles wichtig, keine Frage. Auf absehbare Zeit begrenzt aber der Kostenfaktor ihren Anteil am Energiemix. Außerdem gibt es da ganz unwirtschaftliche Phänomene, und das ist der zweite Punkt unserer Kritik an Deutschland: Ich sehe zum Beispiel überhaupt nicht ein, warum die deutschen Stromverbraucher für das durch Fotovoltaik erzeugte Kilowatt zehnmal so viel zahlen sollen wie für dieselbe Strommenge aus Windkraft. Sind die deutschen Solarstrom-Subventionen falsch? Ja. Staatliche Fördermaßnahmen müssen immer dem Ziel dienen, die zukünftige Produktion wirtschaftlicher zu machen. Sie sollten aufhören, den Produzenten für die heute verkauften Strommengen Geld zukommen zu lassen, und stattdessen die Forschung und Entwicklung massiv fördern, damit die entsprechende Energie in ein paar Jahren kostengünstiger produziert werden kann und keine Subventionen mehr braucht. Brauchen wir überhaupt Subventionen? Leider ja, weil generell und weltweit die Unternehmen dazu neigen, zu wenig in den Energiesektor zu investieren. Aber natürlich muss die Energieversorgung möglichst marktwirtschaftlich organisiert sein, und damit hängt auch der dritte Kritikpunkt in unserem Deutschland-Report zusammen: Trotz aller Fortschritte müssten der Strom- und der Gasmarkt noch weiter liberalisiert werden, Sie haben da viel zu wenig Wettbewerb.

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