Claus Weselsky im Interview: "Sand in die Augen‘"

Claus Weselsky im Interview: "Sand in die Augen‘"

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Claus Weselsky, designierter Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer

Der designierte GDL-Vorsitzende Claus Weselsky über die künftige Strategie seiner Gewerkschaft, den Börsengang der Bahn – und sein Verhältnis zu Hartmut Mehdorn.

WirtschaftsWoche: Herr Weselsky, wie ist Ihr Verhältnis zu BahnChef Hartmut Mehdorn?

Weselsky: Ich habe Herrn Mehdorn in den Tarifverhandlungen intensiv kennenlernen können und empfinde Achtung vor ihm. Er ist ein Mensch, der seine Ziele konsequent und mit aller Härte verfolgt...

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...so wie der scheidende GDL-Vorsitzende Manfred Schell auch. Schell hat polarisiert. Was haben wir vom designierten Vorsitzenden Claus Weselsky zu erwarten?

Ich möchte keine Politik mit der Brechstange machen – wohl aber eine konsequente Interessenvertretung für unsere Mitglieder. Wir sehen uns nicht als reine Lokführer-Gewerkschaft, sondern wollen künftig auch die Zugbegleiter tarifpolitisch vertreten – sofern sich diese mehrheitlich entscheiden sollten, zu uns zu kommen.

Sie kandidieren für Ihr neues Amt in politisch bewegten Zeiten. Die große Koalition will 24,9 Prozent der Bahn verkaufen – ohne Streckennetz und Bahnhöfe. Ist das ein Kompromiss, mit dem Sie leben können?

Überhaupt nicht! Der schon jetzt starke Renditedruck wird zunehmen, wenn private Investoren mit im Boot sind. Das geht zulasten von Arbeitsplätzen.

Die anderen beiden Bahn-Gewerkschaften Transnet und GDBA sehen das anders. Sie akzeptieren die Teilprivatisierung – zumal die Bahn im Gegenzug offenbar eine Beschäftigungsgarantie bis 2023 anbieten will.

Hier wird den Leuten weiße Salbe verkauft. Natürlich werden künftige Aktionäre zum Zwecke der Renditesteigerung darauf drängen, Arbeitsplätze im Fern- und Regionalverkehr oder in der Logistik zu streichen. Die Leute landen dann auf dem konzerninternen Arbeitsmarkt und werden irgendwo hingeschoben. Es wird auch in großem Umfang Streckenstilllegungen geben. Die geplante Konstruktion bewirkt in der Praxis, dass die Betriebsgesellschaft und die Aktionäre die Hand aufhalten und dem Eigentümer Bund sagen: Wenn du die Strecken haben willst wie bisher, dann gib uns das Geld dafür. Am Schluss bezahlt das Ganze der Steuerzahler.

Das klingt sehr ideologisch. Private bringen nicht nur Geld, sondern auch Know-how mit. Wollen Sie überhaupt kein privates Kapital bei der Bahn sehen?

Das Unternehmen darf zum jetzigen Zeitpunkt nicht privatisiert werden, auch nicht partiell. Im Übrigen ist die Bahn saniert. Sie weist Gewinne aus. Eine Privatisierung halten wir auch wirtschaftlich für unnötig.

Und wie wird die GDL auf den Privatisierungsbeschluss der Koalition reagieren? Wollen Sie wieder streiken?

Politische Streiks sind nicht zulässig. Daran halten wir uns. Wir akzeptieren Entscheidungen des Bundestags, nehmen uns aber die Freiheit, alle Bahn-Beschäftigten darüber zu informieren, dass ihnen Sand in die Augen gestreut wird.

Ende Januar läuft der Tarifvertrag für die Lokführer aus. Werden Sie nach dem elfprozentigen Lohnzuwachs 2008 moderater auftreten, oder sehen Sie noch immer Nachholbedarf?

Wir wollen in der Tarifrunde 2009 nicht überziehen. Wir haben mit der Bahn ein neues Entgeltsystem ausgehandelt, wo man sicher noch an der einen oder anderen Schraube drehen kann. Aber eine 30-Prozent-Forderung gibt es mit Sicherheit nicht mehr. Wir werden vor allem Verbesserungen bei der Arbeitszeit fordern. Die 40-Stunden-Woche gilt zwar bis 2010. Aber die Arbeitszeit muss besser verteilt werden, die derzeitige Struktur ist extrem familienunfreundlich.

Wie hat sich der letzte Tarifkonflikt auf Ihre Mitgliederzahl ausgewirkt?

Positiv, sie ist vierstellig gestiegen.

Die Lohnkosten der Bahn liegen nun angeblich 20 bis 30 Prozent höher als bei privaten Konkurrenten. Sind dadurch nicht Jobs gefährdet?

Das ist eine Mär, die der Bahn-Vorstand in die Welt setzt. Dass Wettbewerber deutlich niedrigere Löhne zahlen, gilt nur für Einzelfälle – und im Übrigen häufig für Betriebe, die von den Kollegen der Transnet tarifiert wurden. Es kommt immer darauf an, wen man als Vergleichsmaßstab heranzieht. Sicher, die Erfurter Industriebahn zahlt niedrigere Löhne als die Deutsche Bahn AG. Die hat aber auch nur rund 20 Lokführer.

Streben Sie 2009 gemeinsame Tarifforderungen von GDL, GDBA und Transnet an?

Das will ich nicht ausschließen. Wobei klar sein muss: Wir bleiben unabhängige Vertragsparteien, die eigenständig verhandeln.

Sie haben dem Bahn-Vorstand aber zugesagt, mit den anderen Bahn-Gewerkschaften ein Kooperationsabkommen zu schließen, damit eine einheitliche Tarifpolitik im Konzern möglich ist. Kommt das Abkommen voran?

Nein. Bisher ist da nichts passiert. Tarifpolitische Abstimmung mag ja eine feine Sache sein. Aber wenn Bahn, Transnet und GDBA eine Verlängerung des Kündigungsschutzes beschließen und wir davon aus der Zeitung erfahren, ist dies kein besonderer Anreiz für uns, die Initiative zu ergreifen. Gut möglich, dass dieses Kooperationsabkommen nie zustande kommt.

Was das GDL-Image im Gewerkschaftslager verfestigen dürfte. Hier gilt die GDL als egoistischer Spaltpilz. DGB-Chef Sommer hat gesagt: „Wenn man nur auf seine eigene Klientel schaut, hat das mit Solidarität wenig zu tun.“

Die DGB-Gewerkschaften sind daran schuld, dass der Organisationsgrad der Arbeitnehmer auf unter 25 Prozent gefallen ist. Herr Sommer sollte sich an die eigene Nase fassen und nicht über eine Gewerkschaft wie die GDL herziehen, die einen Organisationsgrad von über 80 Prozent hat. Gute Tarifpolitik lässt sich nur mit vielen Mitgliedern machen. Das ist allemal besser, als aus Verzweiflung – Stichwort Mindestlöhne – nach dem Staat zu rufen.

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