Comeback eines Plagiators : Guttenbergs Masterplan

Comeback eines Plagiators : Guttenbergs Masterplan

, aktualisiert 25. November 2011, 03:40 Uhr
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Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU).

von Hannes VogelQuelle:Handelsblatt Online

Ein Auftritt in Kanada, das Ende des Strafverfahrens, ein Exklusiv-Interview und ein Buch: Karl-Theodor zu Guttenberg strebt mit einem ausgefeilten Masterplan zurück auf die Bühne. Ein Problem bleibt dabei aber.

Es begann am Samstag mit einem scheinbar zufälligen Auftritt in Kanada, doch spätestens heute ist klar: Karl-Theodor zu Guttenberg arbeitet mit Hochdruck an seiner Rückkehr auf die politische Bühne in Deutschland. Der gefallene Verteidigungsminister hat die deutsche Öffentlichkeit mit einer genau geplanten Comeback-Kampagne förmlich überrollt.

Auf Guttenbergs ersten Auftritt seit seinem Rücktritt bei einer Sicherheitskonferenz in Halifax am Samstag folgte am Montag die Ankündung seines Interviewbuchs. Am Mittwoch stellte die Staatsanwaltschaft Hof das Strafverfahren gegen den Ex-Minister ein. Und am Donnerstag druckte die Wochenzeitung „ZEIT“ vorab Auszüge aus den Gesprächen ihres Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo, die am kommenden Dienstag als Buch unter dem Titel „Vorerst gescheitert“ erscheinen.

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Das Exklusiv-Interview ist der vorläufige Höhepunkt in Guttenbergs PR-Kampagne. Seine wichtigste Botschaft: „Ich schließe nichts aus, aber es gibt bislang keine konkrete Intention. Aber ich werde mit Sicherheit in mein Heimatland zurückkehren und ein politischer Kopf bleiben“, erklärt Guttenberg. Ob er sich danach politisch engagieren will, lässt Guttenberg offen. Ebenso, wann er nach Deutschland zurückkehren will. Guttenberg, der Meister des politischen Formwandels, hält sich alle Optionen offen.

Dass er mit Hochdruck an der Operation Comeback arbeitet, ist bei genauem Hinsehen allerdings klar zu erkennen - allein schon wenn man seine Worte an seinem Handeln misst. „Ich terminiere gerade gar nichts“, gibt Guttenberg im Interview zu Protokoll. Doch schon zu Beginn des Gesprächs fragt sich Zeit-Chef di Lorenzo: „Sie wollen, dass dieses Gespräch noch vor Jahresende erscheint. Warum diese Eile?“ Er wolle die verständlichen Fragen an ihn beantworten, solange seine Erinnerung noch klar genug sei, „bevor man also beginnt, die Dinge selbst zu verwischen“, ist Guttenbergs lapidare Antwort.

Doch Guttenbergs Auftritte sind nicht zufällig, im Gegenteil, er folgt einem Masterplan mit genauem Timing: Schon lange vor seiner Rede in Halifax am Samstag, der Ankündigung seines Buches am Montag und dem Erscheinen des Interviews am Donnerstag wusste Guttenberg, dass die Staatsanwaltschaft Hof das Verfahren gegen ihn einstellen würde. Denn zwischen der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, ein Strafverfahren einzustellen, und der Zustimmung des Gerichts dazu liegen durch die umfangreiche Prüfung der Akten notwendigerweise mehrere Tage. „Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft ist nicht in der letzten Woche gefallen“ bestätigte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Hof gegenüber Handelsblatt Online.

Gezahlt hat Guttenberg die Geldauflage von 20.000 Euro nach Angaben des Sprechers in dieser Woche, also frühestens Montag. Mit Zahlungseingang musste die Staatsanwaltschaft das Verfahren automatisch einstellen - gerade rechtzeitig, bevor am Donnerstag Guttenbergs Interview erschien. Eine Veröffentlichung zu den Vorwürfen vor der Entscheidung der Ermittler wäre allerdings auch ein Affront gegen die Justiz gewesen.


„Wenn ich bewusst getäuscht hätte, würde ich dazu stehen“

Noch auffälliger als der durchdachte Zeitplan ist an Guttenbergs Comeback der unaufrichtige Umgang mit seiner Doktor-Schummelei. Immerhin: Guttenberg spricht von einem „ungeheuerlichen Fehler, den ich auch von Herzen bedauere“. Doch der Ex-Verteidigungsminister bemüht sich nach Kräften, eine klare und unmissverständliche Entschuldigung zu vermeiden. „Sie reden von sich selbst in der dritten Person, sie sprechen davon, dass 'man sich damals bereits entschuldigt hat'. Ist es für sie schwierig zu sagen: Ich bitte um Entschuldigung?“ fragt auch Interviewer di Lorenzo. Nein, dass sei anerzogener Sprachgebrauch, der sich wahrscheinlich über die Jahre hinweg eingeschliffen habe, antwortet Guttenberg.

Indirekt gibt Guttenberg die wirkliche Antwort auf die Frage später selbst, als di Lorenzo es mit umgekehrter Psychologie versucht: „Unter welchen Umständen kann man eine Entschuldigung annehmen?“ Antwort: „Wenn man das Gefühl hat, dass der andere es ernst meint.“ Daran hat di Lorenzo offenbar weiter Zweifel. „Warum können Sie, acht Monate danach, nicht einfach sagen: Ich habe abgeschrieben?“ Er sage es doch, findet Guttenberg. Es sei nur ein Unterschied, ob man das absichtlich macht, oder das Abschreiben das Ergebnis einer chaotischen und ungeordneten Arbeitsweise sei.

Genau das ist der Knackpunkt von Guttenbergs Neuanfang: „Sie bleiben bei ihrer Verteidigungslinie: Sie reden von einem Fehler, aber nicht von einem Plagiat“, kritisiert di Lorenzo. Eine bewusste Täuschung, einen Vorsatz, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen, leugnet Guttenberg weiterhin standhaft: „Wenn ich geschickt hätte täuschen wollen, hätte ich es vermieden, Textstellen so plump und so töricht in diese Arbeit zu übernehmen. Wenn ich wüsste, dass ich das absichtlich gemacht hätte, würde ich es sagen“, schwört Guttenberg „unter Eid und vor Gott“. „Ist Ihnen klar, dass selbst in Kreisen, die Ihnen wohlgesinnt sind, kaum jemand glauben kann, dass sie ihre Arbeit allein zusammengestöpselt haben?“, redet ihm di Lorenzo ins Gewissen.

Doch Guttenberg bleibt bei seiner Darstellung. Wortgewaltig windet er sich um den blinden Fleck seiner Argumentation: 1218 Plagiatsfragmente aus 135 Quellen auf 371 von 393 Seiten, der letzte Stand laut Internetplattform Guttenplag Wiki. Er habe den Blödsinn wirklich selber verfasst und stehe auch dazu, räumt Guttenberg ein.

Absicht sei ihm aber nicht zu unterstellen. Vielmehr habe die Doppelbelastung durch Studium, Mitarbeit im elterlichen Familienunternehmen und politischer Karriere dazu geführt, dass er „zu einem hektischen und unkoordinierten Sammler“ geworden wäre, sich zeitweise mehrere Monate bis zu einem Jahr nicht mehr mit der Arbeit befasst habe. Schuld sind die Umstände, nicht er selbst: Die Dissertation sei eine „Patchworkarbeit“ gewesen, die sich am Ende auf mindestens 80 Datenträger und vier Computer verteilt habe, ein „Wust an Informationen“, der „keinerlei innere Ordnung mehr hatte“. Er habe schlicht den Überblick verloren, „welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war“.

Er habe nicht die Kraft gehabt, das sich selbst und seinem Professor gegenüber einzugestehen. „Das hatte sicherlich auch mit Hochmut zu tun und mit einem gerüttelt Maß an Eitelkeit“, gesteht Guttenberg selbstkritisch ein. Trotz seiner späten Entschuldigung schafft es Guttenberg mit dieser Strategie aber nicht, den Makel des Betrugs abzuschütteln. „Man fragt sich, wie aus so vielen Puzzleteilen 'aus Versehen' eine wissenschaftliche Arbeit entstehen konnte“, zeigt sich di Lorenzo wenig überzeugt.

Den tiefen Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit konnte Guttenberg mit seinem Masterplan bislang nicht ausräumen. Jeder Mensch hat das Recht auf eine zweite Chance, auf einen Neuanfang. Niemand will Guttenberg dieses Recht nehmen. Doch je aufrichtiger er mit seinen Fehlern umgeht, desto leichter fällt ihm vielleicht auch sein Comeback.

Quelle:  Handelsblatt Online
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