Debatte: "Konsumverweigerung bringt uns nicht weiter"

Debatte: "Konsumverweigerung bringt uns nicht weiter"

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Ernst Ulrich von Weizsäcker (li.) und Karl-Heinz Paqué in einem Streitgespräch über neue Wege des Wirtschaftens, eine Kultur des Verzichts - und die Gefahr einer Ökodiktatur.

von Bert Losse, Konrad Fischer

Kann es Fortschritt ohne Wirtschaftswachstum geben? Und mit welchen Indikatoren lassen sich Wohlstand und Lebenszufriedenheit überhaupt sinnvoll messen? Ein Streitgespräch über neue Wege des Wirtschaftens, eine Kultur des Verzichts - und die Gefahr einer Ökodiktatur.

Herr Paqué, Herr von Weizsäcker, gut 40 Jahre nachdem der Club of Rome seine zukunftspessimistische Studie "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichte, haben wachstumskritische Schriften und Ideen in Deutschland wieder Hochkonjunktur. Warum gerade jetzt?

Von Weizsäcker: Weil immer mehr Menschen erkennen, dass wir nicht viel dazugelernt haben. Auf der Welt wird es immer enger, es gibt fast drei Milliarden Menschen mehr als damals. Der globale Ressourcenverbrauch ist gigantisch gewachsen. Zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem CO₂-Ausstoß gibt es immer noch einen gefährlichen Gleichklang.

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Paqué: Ich sehe das weniger apokalyptisch als Sie. Das Bewusstsein für Umweltfragen ist Lichtjahre entfernt vom Zustand damals. Die Wachstumsdebatte folgt historischen Zyklen; es gab sie in den Dreißigerjahren, es gab sie in den Siebzigerjahren, und sie verstummte jeweils ziemlich schnell, wenn sich infolge starken Wachstums die Lebensqualität der Menschen verbesserte. Richtig ist: Nach der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise gibt es derzeit ein diffuses Gefühl, es könne so nicht weitergehen.

Karl-Heinz Paqué, 56, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Magdeburg und Mitglied der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestags. Quelle: Michael Dannenmann für WirtschaftsWoche

Karl-Heinz Paqué, 56, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Magdeburg und Mitglied der Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" des Bundestags.

Bild: Michael Dannenmann für WirtschaftsWoche

Herr von Weizsäcker, 1972 lag die deutsche Wirtschaftsleistung bei 436 Milliarden Euro. Seither hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) mehr als verfünffacht. Ist das für Sie eigentlich eine gute Nachricht?

Von Weizsäcker: Isoliert gesehen ja. Die schlechte Nachricht lautet: Gleichzeitig sind die CO₂-Emissionen dramatisch gestiegen. Und der Verbrauch von Natur geht nicht nur weiter - er beschleunigt sich sogar.

Paqué: Das Merkwürdige an Wachstumskritikern wie Ihnen ist, dass Sie das Wachstum und den Fortschritt der Vergangenheit immer als gegeben hinnehmen, aber vor dem Wachstum der Zukunft warnen. Fragen Sie mal die vielen Skeptiker, ob sie ihr iPhone gern mit der Telefonwählscheibe der Siebzigerjahre tauschen wollen oder den PC mit der Schreibmaschine. Das will niemand. Auf die zusätzlichen Staatseinnahmen, die das Wachstum gebracht hat, mag auch niemand verzichten. Die Früchte des Wachstums werden auch von seinen schärfsten Kritikern gern geerntet.

Von Weizsäcker: Es geht doch überhaupt nicht um eine pauschale Ablehnung von Wirtschaftswachstum. Das Entscheidende ist, dass wir Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln müssen, um die Zerstörung der Natur zu stoppen. Ich halte als Physiker eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität auf mittlere Sicht für technisch machbar. Damit das aber endlich rentabel wird, brauchen wir eine Art Pingpong zwischen den Ressourcenpreisen und der Ressourcenproduktivität.

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