Debatten bei Facebook, Twitter und Co.: Wie der Mob Meinung machen will

Debatten bei Facebook, Twitter und Co.: Wie der Mob Meinung machen will

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von Nora Jakob

Die Debattenkultur im Netz wird zunehmend von Menschen dominiert, die versuchen gegen andere Meinungen Stimmung zu machen. Sie gefährden damit die Demokratie, sagen Experten.

Als wir vor knapp zwei Wochen einen Text mit der Fragestellung veröffentlichten, ob Pegida, AfD und die NPD gesellschaftsfähig werden, haben wir mit vielen Kommentaren gerechnet. Das Thema ist kontrovers und schon allein die Nennung einer der drei Parteien löst häufig eine Vielzahl an Kommentaren aus – sowohl in den Kommentarspalten als auch in den sozialen Netzwerken. Auch wir mussten unzählige Kommentare sperren - sowohl direkt unter dem Text als auch bei Facebook, weil sie rassistische oder beleidigende Äußerungen enthielten.

“Gerade in den Kommentaren lässt sich beobachten, wie einige wenige respektlose Kommentare den gesamten Tenor verändern können”, sagt Christian Scherg, der mit seiner Agentur Unternehmen berät, die in einen Shitstorm geraten sind. Wenn die Stimmung insgesamt nicht mehr von Respekt getragen werde, sondern aggressive, taktlose oder rassistische Äußerungen die Diskussion vergiften, kippt der Ton der gesamten Debatte.

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AfD, Pegida und NPD Werden Bewegungen vom rechten Rand gesellschaftsfähig?

Während früher über extreme Positionen nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wurde, werden sie heute zunehmend gesellschaftsfähig. Warum AfD, Pegida und NPD trotzdem ums Überleben kämpfen.

Freital, Pegida und AfD - wo Rechte sich unterscheiden. Quelle: AP

Das ist nicht wirklich neu, aber die aktuelle Diskussion um die Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland verstärkt diesen Trend noch einmal – wie auch am Mittwochabend der Kommentar von Anja Reschke in den Tagesthemen zeigte. Das bekam aber auch Zeit Online mit einem Text zu spüren, der sich damit auseinandersetzte, dass sich in die Diskussion um brennende Flüchtlingsheime ein scheinbar neutraler Begriff, nämlich der des „Asylkritikers“, eingeschlichen habe. Allein in den ersten fünf Stunden gab es unzählige Kommentare, die wegen fremdenfeindlicher oder rassistischer Äußerungen gesperrt werden mussten. Das Gefährliche: Extreme Meinungen werden nicht mehr hinter vorgehaltener Hand besprochen, sondern in aller Deutlichkeit in der Öffentlichkeit verbreitet – teilweise unwidersprochen. "Wir machen die Erfahrung, dass einerseits viele Menschen nicht mehr anonym im Netz kommentieren, sondern mit ihren Klarnamen", sagt, Christiane Schneider von jugendschutz.net, eine Einrichtung, die darauf achtet, dass der Jugendschutz im Internet eingehalten wird. "Andererseits sehen wir aber auch, dass die Netz-Community reagiert und menschenverachtenden Meinungen widerspricht." Das verdeutlichen mehrere Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit: Nach dem beispielsweise ein Porsche-Lehrling auf Facebook einen fremdenfeindlichen Kommentar gepostet hatte, schmiss der Konzern ihn raus. Die Empörung war groß, aber das war nur eine Seite: Bei Facebook gründete sich eine Gruppe, die Hasspostings gegen Porsche veröffentlichte. Bei der österreichischen Polizei gingen bereits mehr als 100 Anzeigen wegen der Hasskommentare ein.

Das Vokabular von Pegida

  • Lügenpresse

    Bereits zu Beginn des 20. Jahrhundert geläufig, erlebte das Wort um 1940 eine Renaissance. Dahinter standen laut GfdS immer völkische und nationalistische Anliegen, die die staatlich gelenkte „Lügenpresse“ angeblich zu verschleiern versuchte. Aus Sicht der Protestierenden herrscht auch heute keine wirkliche Meinungsvielfalt oder Meinungsfreiheit. Aus ihrer Sicht bestimmen vielmehr Regierung oder System darüber, was veröffentlicht werden darf.

  • Volksverräter

    Der Volksverrat findet sich als Straftatbestand erstmals im Nationalsozialismus. Der heutige Gebrauch von „Volksverräter“ zielt nach Angaben der Gesellschaft darauf ab, die gewählten Volksvertreter eben als Verräter an „ihrem“ (sprich: dem deutschen) Volk zu bezeichnen. Vor der Zeit des Nationalsozialismus habe es den Straftatbestand des Hoch- und Landesverrats gegeben. Erst mit dem Wort Volksverrat habe die Straftat aber einen klaren Bezug zur Nationalität erhalten, da mit den bis dahin üblichen Bezeichnungen nicht auf eine völkische oder ethnische Zugehörigkeit Bezug genommen wurde.

  • Abendland

    Laut Wörterbuch Grimm ist die Bedeutung „westlich gelegenes Land“, zunächst also rein geografisch und ohne Bezug zu einer bestimmten Nation, Kultur oder Religion. Ideologisch besetzt ist das Wort jedoch nach Angaben der Sprachforscher durch das Hauptwerk des Geschichtsphilosophen Oswald Spengler „Der Untergang des Abendlandes“, das klare antidemokratische Züge aufweist. Spengler sah die abendländische Kultur im Untergang begriffen und hielt die freiheitliche Demokratie für ein (unausweichliches) Stadium zum Niedergang.

  • Überfremdung

    Im Duden bereits 1929 verzeichnet, 1993 Unwort des Jahres. Auch hier gibt es laut GfdS einen klaren Bezug zur Sprache des Nationalsozialismus. So sprach Joseph Goebbels 1933 von „Überfremdung des deutschen Geisteslebens durch das Judentum“. Heutzutage seien eher andere Gruppen gemeint, das Wort habe sich hartnäckig gehalten.

  • Wir sind das Volk

    Ruf bei den Montagsdemonstrationen in der DDR, später abgewandelt zu „Wir sind ein Volk“ - im Hinblick auf die Wiedervereinigung nach dem Mauerfall. Heute von Pegida aufgenommen - genau wie die Tradition der Montagsdemos - zur Abgrenzung gegenüber Zuwanderern, vor allem solchen muslimischen Glaubens.

So schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen, sagt Ingrid Brodnig, Redakteurin des österreichischen Nachrichtenmagazins Profil und Autorin des Buches „Der unsichtbare Mensch”. In der Flüchtlingsdebatte erleben wir eine “ungeheure“ Aggression, so Brodnig – und eine Polarisierung der Gesellschaft – und das nicht nur in Deutschland: „Der eine Teil der Bevölkerung hat eine große Wut auf Flüchtlinge und projiziert die gesamte politische Unzufriedenheit auf die Asylwerber. Der andere Teil der Bevölkerung ist umso schockierter und wiederum wütend auf die Bürger, die so hasserfüllt sprechen. Das ist in meinen Augen eine sehr gefährliche Situation: Denn eine Demokratie lebt davon, dass alle miteinander noch ein konstruktives Gespräch führen können.“

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