Demografie: Sinken der Geburtenrate gestoppt

Demografie: Sinken der Geburtenrate gestoppt

von Cordula Tutt

Paare in Deutschland schieben ihren Kinderwunsch nicht länger auf. Eine Trendwende kommt langsam in Sicht.

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Babys in einem Kindergarten

Dresden bekämpft ein im Osten ungewohntes Problem – Kitas und Krippen werden knapp. Das liegt unter anderem an Anna Ertelt, die am 23. November in der Uniklinik zur Welt kam und dort wie 1999 Babys vor ihr in 2010 ihren ersten Schrei losließ. Im Jahr davor hatte der 2000. neue Erdenbürger erst kurz vor Silvester, am 29. Dezember, das Licht der Welt erblickt. In Dresden wird seit vier Jahren mehr geboren als gestorben. Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) jauchzt: „Nur eine wachsende Stadt ist eine lebendige Stadt!“

Mancher vermutete auch bundesweit einen Babyboom, als das Statistische Bundesamt zur Jahreswende die ersten Geburtenzahlen für 2010 vorlegte. Danach kamen bis September rund 510.000 Kinder zur Welt, 20.000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Doch zur früh gefreut: Trotz des Zuwachses sehen Forscher in der vorläufigen Geburtenbilanz eher einen Ausreißer. Erst am Ende einer längeren Talsohle werde in Deutschland die Zahl der Geburten je Frau langsam steigen.

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Immerhin. Der Berliner Familienforscher Hans Bertram beschreibt: „Über Jahre haben die unter 30-Jährigen weniger Kinder bekommen.“ Doch inzwischen bekämen die über 30-jährigen Frauen mehr Nachwuchs als noch vor wenigen Jahren. Paare entscheiden sich also doch irgendwann für eine Familie. Das lasse die Zahl der Geburten je Frau allmählich steigen.

Entwicklung der Kinderzahl je Frau

Entwicklung der Kinderzahl je Frau

Dresdnerinnen nehmen wohl vorweg, was im Rest der Republik wahrscheinlich ist. Sie haben im Schnitt 1,48 Kinder, knapp doppelt so viele wie im Wendeschock der Neunzigerjahre. Ohnehin haben Frauen im Osten die aus dem Westen längst wieder abgehängt. 2009 gebar eine Ostfrau im Lauf des Lebens 1,4 Kinder, eine Westfrau knapp 1,35.

In Sachsens Hauptstadt zeigt sich auch, wie sich das Bild von Familie wandelt. Mütter Ost sind seltener verheiratet und schneller zurück im Job – eine Entwicklung, die in der alten Republik noch weniger ausgeprägt ist. Paare im Osten bleiben seltener kinderlos. Das gilt auch für Akademikerinnen, so das Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock. Wer im Westen aber überhaupt Kinder bekommt, hat eher mehr Nachwuchs.

Michaela Kreyenfeld vom Max-Planck-Institut hält nicht die jährliche Geburtenzahl, sondern die Ziffer je Frau für maßgeblich. Noch lasse sich kaum eine Umkehr des Abwärtstrends seit 1964 erkennen, dem geburtenstärksten Jahrgang. Die Demografin räumt aber ein: „Langsam kommt die Entwicklung zum Stillstand, dass Frauen die erste Geburt aufschieben.“ In Ostdeutschland sind Frauen im Durchschnitt 27, im Westen zwei Jahre älter, wenn sie erstmals Mutter werden. So dürfte die Zahl der Kinder je Frau absehbar auf 1,6 klettern. Andere Länder seien weiter. In Frankreich und Skandinavien steige das Durchschnittsalter nicht mehr.

Neue Lebensplanung

Hans Bertram, Professor an der Humboldt-Universität, fordert Geduld: „In Skandinavien und Frankreich haben die Regierungen Gesetze gemacht und 20 Jahre gewartet, dass sich die Menschen darauf einstellen.“ Niemand ändere Lebenspläne über Nacht. „Man muss an die Familienpolitik mit der gleichen Ruhe rangehen wie an eine Rentenreform. Es dauert.“

Dem stimmt Kreyenfeld zu. Das deutsche Elterngeld wirke langsam. Qualifizierte Frauen entschieden sich wohl leichter für Nachwuchs, es fehlten aber noch Zahlen, die solche Eindrücke bestätigen. Eine Deutung fürs Geburtenplus 2010 hat sie: „Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit wirken sich bei Frauen eher positiv auf die Familiengründung aus, vor allem in Westdeutschland.“ Soziologe Bertram betont, das Land werde kinderfreundlicher. Das Elterngeld habe seit 2007 bereits in den Betrieben etwas verändert: „Männer wurden durch die Vätermonate bestärkt, tatsächlich eine Babypause einzulegen.“

Ein Blick in die Ferne zeigt, wohin es gehen könnte. Steigender Wohlstand wirkt zunächst verhütend, doch ein sehr hoher Lebensstandard lässt Familien wieder wachsen. Das bestätigt auch der Italiener Francesco Billari. In Ländern, die im Uno-Index für menschliche Entwicklung (HDI) führen, seien seit der Jahrtausendwende mehr Kinder geboren werden. Als Beispiel nannte er jüngst Norwegen und Australien. „Das ist eine ganz neue Entwicklung“, frohlockte der Demograf. Deutschland steht im Index auf Platz zehn.

Norwegens Wohlstand dank Erdöl ist nicht ohne Weiteres zu kopieren. Der Osloer Ökonom Oystein Kravdal fragte sich in einem Aufsatz zum kleinen Geburtenboom jedoch, ob seine Landsleute zudem toleranter sind: „Sind Norweger womöglich verständnisvoller als andere, wenn im Haus überall Spielsachen durcheinander liegen?“, beschrieb er das milde Chaos im Familienalltag.

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