Demografie: Wie der Bevölkerungsrückgang deutsche Städte umformt

Demografie: Wie der Bevölkerungsrückgang deutsche Städte umformt

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Bürgermeister Michelmann

von Bert Losse

Der demografische Wandel verändert Deutschlands Städte – baulich, ökonomisch und sozial. Trotz sinkender Einwohnerzahlen droht vielerorts eine neue Wohnungsnot.

Was soll er jetzt noch machen? Andreas Michelmann, 50, hat alles versucht. Seit 16 Jahren ist der gelernte Bergvermesser Oberbürgermeister von Aschersleben, der ältesten Stadt in Sachsen-Anhalt. Das historische Zentrum, wo die Sträßchen Zippelmarkt und Über den Steinen heißen, ist hübsch saniert, im Gewerbegebiet „Güstener Straße“ gibt es sogar Investoren aus China und Kasachstan. Die mit viel Geld gepäppelten Grundschulen haben einen so guten Ruf, dass Kinder aus bis zu 25 Kilometer Entfernung anreisen. Michelmann, ein agiler Typ mit Dreitagebart, hat die Landesgartenschau 2010 nach Aschersleben geholt, er garantiert den Eltern einen Krippenplatz für ihre Kleinen, lässt gerade ein modernes Bildungszentrum bauen, und sanierte Altbauwohnungen in bester Zentrumslage gibt es zum Quadratmeterpreis von 4,35 Euro zu mieten. Trotzdem wollen in Michelmanns Stadt immer weniger Menschen leben.

Jahr für Jahr schrumpft die Einwohnerzahl, obwohl mittlerweile elf Ortschaften aus dem Umland eingemeindet worden sind. Knapp 30 000 Einwohner zählt Aschersleben aktuell, in zehn Jahren werden es nur noch 25 000 sein. Im „Kosmonautenviertel“, einer Plattenbausiedlung am Stadtrand, sind viele Fassaden frisch gestrichen und die Balkone bunt, doch hinter den Gardinen wohnen meistens Rentner – oder niemand mehr. Obwohl mehrere Blöcke abgerissen wurden, stehen 15 Prozent der Wohnungen leer, „der Altersdurchschnitt in manchen Häusern liegt bei über 60 Jahren“, sagt Michelmann. Dass es in Aschersleben jedes Jahr 250 weniger Geburten als Sterbefälle gibt, kann der OB nicht beeinflussen. Das Ziel des parteilosen Stadtoberhaupts ist mittlerweile nur noch, „den negativen Wanderungssaldo zu stoppen“ – es sollen nicht länger mehr Leute wegziehen, als neue von außen hinzukommen.

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Stadt schlägt Land

Das Schicksal des wackeren Bürgermeisters aus der ostdeutschen Provinz teilen derzeit Tausende von Amtskollegen – in Ost und West. Der demografische Wandel in Deutschland verändert das ökonomische und soziale Gefüge in vielen Städten, und er verpasst ihnen zunehmend ein neues Gesicht. Jahrzehntelang war es vornehmste Aufgabe der Stadtentwickler, Wachstum zu managen, Straßen bauen zu lassen und neue Wohnviertel und Gewerbeflächen zu erschließen. Jetzt müssen Politiker und Stadtplaner das Schrumpfen organisieren, das im Verwaltungsdeutsch „Rückbau“ heißt – und weitaus schwieriger zu bewältigen ist. Wohnblöcke, Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Kanäle, Wasser- und Fernwärmeleitungen, Ämter, Theater: Was wird aus einer teuren Infrastruktur, die immer weniger Menschen nachfragen?

Dass Deutschland schrumpft, ist nicht neu, aber wie stark die Einwohnerzahl tatsächlich zurückzugehen droht, zeigt eine neue Hochrechnung des Statistischen Bundesamts: Danach werden 2030 statt 82 Millionen Menschen nur noch 77,3 Millionen in Deutschland leben, bis 2060 kracht die Zahl auf 64,5 Millionen herunter. Während das Minus in den westdeutschen Flächenländern mit 19 Prozent noch beherrschbar erscheint, sind es in Ostdeutschland verheerende 37 Prozent. Im Osten wird 2030 jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre sein. Auf 100 Erwerbsfähige kommen dann 74 Rentner.

Als Folge erwarten Experten massive Wanderungsbewegungen – und eine wachsende Schere zwischen Verlierer- und Gewinnerregionen. „Die Menschen drängt es in die Städte“, sagt Lutz Freitag, Präsident des Bundesverbands deutscher Wohnungs- und Immobilienunternehmen (GdW) und Repräsentant einer Branche, die Wanderungstrends lange vor der amtlichen Statistik registriert. 2050 werden über 80 Prozent der Deutschen in Städten oder „verdichteten Räumen“ leben – 1950 waren es gerade mal 62 Prozent. Davon profitieren Großstädte wie München, Hamburg und Berlin, der Großraum Frankfurt und die Rheinschiene mit Bonn, Köln und Düsseldorf, in den neuen Ländern wohl Dresden und Leipzig. Dem stehen viele Regionen gegenüber, die immer leerer werden: Teile Ostdeutschlands, das Ruhrgebiet, aber auch Gebiete in Nordbayern, Nordhessen und im südlichen Niedersachsen.

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