Demografischer Wandel: Boomende Metropolen, sterbende Dörfer

Demografischer Wandel: Boomende Metropolen, sterbende Dörfer

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Hunsrück: Irma Löh (84). Mittwochs ist Ruhetag in Löhs Restaurant im Hunsrück. Sonst arbeitet sie täglich, bis der letzte Gast aus dem Burgkeller in Bruchweiler nach Hause geht. Seit fünf Jahren versucht sie, die Traditionsgaststätte zu verkaufen. Sie arbeitet weiter und serviert den Spießbraten notfalls mit links.

von Cordula Tutt

Deutschlands Jugend zieht vom Land in die Städte. Die Folgen sind hohe Mieten in den Metropolen - und Geisterstädte in der Provinz. Dort kämpfen Betroffene gegen Schwund und Stau.

Die Gaststätte herrscht über Irma Löh. Noch immer steht sie täglich außer mittwochs mit weißer Kittelschürze im Burgkeller von Bruchweiler. Löh ist 84, gebeugt, aber nicht besiegt. Sie hat Humor und einen zähen Willen. Das ist der Treibstoff im sechsten Jahr seit sie sich zur Ruhe setzen will.

Es muss starker Stoff sein. Wegen eines schlecht verheilten Bruchs serviert sie eben mit links. In der Küche steht Sohn Harald, die Schwiegertochter hilft. Voll wird es auf den 140 Plätzen nur noch an Feiertagen und Wochenenden, wenn Wanderer oder Motorradfahrer im Hunsrück unterwegs sind. „Die Siebzigerjahre waren die beste Zeit, da brummte es“, sagt die Wirtin.

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Christian Werner ist mit 38 Jahren kaum halb so alt wie Irma Löh, doch so sesshaft war er nicht. Er wuchs in Thüringen auf, wurde in Nürnberg erwachsen und ist nun in Dresden verwurzelt. Seine Frau und er leben mit Tochter Lorelai, 7, und Sohn Till, 5, in Deutschlands kinderreichster Großstadt.

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Wo die 20- bis 34-Jährigen in Deutschland fortziehen und wo sie sich sammeln. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Der Mediengestalter fragt sich, ob es ein Fehler war, nicht schon 2009 den Mut zur Eigentumswohnung in der Elbestadt aufgebracht zu haben. „Jetzt kann man sich als Normalverdiener keine mehr leisten.“

Irma Löh und Christian Werner verbindet ein unsichtbares Band. Alle reden über teure Städte, hohe Mieten, knappe Kitas. Doch das alternde Land leidet zeitgleich an Schwindsucht und Wachstumsschmerz. Für Bürger und Staat wird die geteilte Republik nicht billiger. Städte müssen neue Kitas und Baugebiete finanzieren. An den bröckelnden Rändern Frieslands, der Lausitz, im Bayerischen Wald oder Ruhrgebiet werden Abwasser, Busse und Schulen teuer. Mit den Abwanderern fehlen deren Kinder. Doch vor Ort finden sich pragmatische Ansätze gegen Schwund und Stau.

Er herrscht das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Wer Mangel spürt, muss sich auf noch weniger einstellen. Wer es bereits auskömmlich hat, darf noch mehr erhoffen.

Einzelne Wohlstandsinseln ragen aus dem Meer empor (siehe Grafik oben). Es sind „Schwarmstädte“ – Universitätsstädte, Wirtschaftszentren oder Sehnsuchtsorte wie Berlin oder Leipzig. Der Ökonom Harald Simons vom Forschungsinstitut Empirica hat den Begriff geprägt. Schwarm wie Vogelschwarm: „Die Jungen, die zunehmend zur Minderheit werden, verlassen die Provinz“, erklärt er. Schwarm könnte auch Schwärmerei bedeuten. „Dort, wo die Jungen herkommen, hat vielleicht der letzte Club dichtgemacht, wo sie hinwollen, herrscht pralles Leben“, sagt Simons. Sie peilen hübsche Orte wie Würzburg, Münster und Jena an – oder den Wohlstand in Hamburg, Darmstadt und Aachen.

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Die mobilen Jungen zetteln keine offene Revolte an, sie erzeugen einen stillen Sog:

  • Die Jungen rotten sich als Minderheit zusammen. Erst ist einer fort, wird Anlaufstelle in der Stadt, wo sich studieren und jede Ausbildung machen lässt. Bald kommen viele nach. Wen es nicht in die Ferne treibt, fragt sich, ob er bald das Licht löscht. Zumindest das im Kino oder Jugendclub.
  • Bildung macht mobil. Immer mehr Junge machen Abitur, immer mehr studieren. Erst ziehen sie in Richtung Hochschule, später bleiben sie in den Städten kleben. Daran verzweifeln auch Handwerker mit Nachwuchssorgen: Im Jahr 2000 nahm jeder Dritte aus den jüngeren Jahrgängen ein Studium auf, 2013 waren es schon fast 60 Prozent.
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