_

Demografischer Wandel: "Wir haben ein Luxusproblem"

Mehr Ehrenamt, Bürgerversicherung oder Kindergärten: Was braucht Deutschland, um den Generationenkonflikt zu meistern? Ein Streitgespräch zwischen Juli Zeh, Lothar Späth und Wolfgang Gründinger.

Zeh, Späth, Gründinger Quelle: dpa / dpa / pr
Juli Zeh, Lothar Späth, Wolfgang Gründinger. Quelle: dpa / dpa / pr

Herr Späth, wenn man die Entstehung und die über die Jahrzehnte erfolgten Modifikationen des Rentensystems anschaut – dann sieht das nicht nach nachhaltiger Politik, sondern blankem Opportunismus aus. Ist kein Verlass mehr auf die Politik?

Anzeige

Späth: Ja, das ist so. Es ist auch kein Verlass auf die Politik in dieser Frage, weil die Dimensionen dabei so erschlagend sind. Sie können politisch gar nicht verkünden, was dahinter steht oder fällt. Es ist schon ein dramatischer Verdrängungswettbewerb, der da stattfindet, und da meine ich nicht den Verdrängungswettbewerb in der Wirtschaft. Wir haben ein irres Problem, den Menschen klarzumachen, was da wirklich los ist.

Frau Zeh, die Anhebungen im Rentensystem waren oft populistischer Natur. Der Altbundespräsident Roman Herzog sieht Deutschland auf dem Weg zu einer Rentnerdemokratie. Sie haben in Ihrem Buch „Corpus Delicti“ von einer Gesundheitsdiktatur geschrieben. Halten Sie eine Rentnerdiktatur für möglich?

Zeh: Diese Sorten von Weltuntergangsszenarien eignen sich nur sehr gut als literarische Form. Als politische Prognose halte ich sie für unbrauchbar und eher für schädlich. Auch wenn die Probleme unbestritten sind. Aber drehen wir das Thema doch einmal um. Wenn Sie sich anschauen, was wir haben: Dann ist das ein Land, in dem die Menschen immer länger leben und es ihnen immer besser geht. Das ist doch erst mal etwas, worüber wir uns freuen müssten. Ich glaube, keiner wäre bereit, sein Leben mit 65 zu beenden, obwohl das volkswirtschaftlich das Sinnvollste wäre.

Späth: Das wäre strafrechtlich sicher schwierig...

Zeh: Da kann man strafrechtlich was drehen, ich schreibe gerne ein Gutachten. Aber im Ernst: Darauf wollen wir doch nicht hinaus. Wir wollen weder den medizinischen noch den demografischen Fortschritt zurückdrehen. Der Begriff „Rentnerrepublik“ ist schon so negativ eingefärbt, der sagt: „Alt ist immer schlecht.“ Da sträube ich mich schon allein gegen die Begriffe. Schuldzuweisungen wie „Die Rentner sind schuld, weil die noch leben“ oder „Die Jungen sind schuld, weil die nicht mehr zahlen wollen“ – damit kommen wir nicht weiter. Der Begriff der „Auflösung des Generationenvertrages“ ist eine mediale Technik zum Stiften von gesellschaftlichem Unfrieden. Deswegen erst mal das Plädoyer, das positiv zu sehen, denn wir haben es mit einem Luxusproblem zu tun.

Herr Gründinger, nur ein Luxusproblem?

Gründinger: Die demografische Entwicklung ist nicht schlimm. Eine ältere Gesellschaft ist friedlicher, verbraucht weniger Energie, sie verbraucht weniger Platz. Finde ich eigentlich alles ganz toll.

Dennoch beklagen Sie eine höhere Last der Jugend.

Gründinger: Ja. Der Generationenvertrag sieht vor, dass die mittlere Generation arbeitet, und sorgt zum einen für die ältere Generation, die nicht mehr, und für die junge, die noch nicht arbeiten kann. Jetzt hat aber die alte Generation – und nicht etwa die junge – den Vertrag aufgekündigt. Wir Jungen werden vierfach belastet. Zum Ersten müssen wir für die heutigen Renten aufkommen. Zum Zweiten müssen wir für uns selber mehr ansparen. Drittens werden wir länger arbeiten müssen. Und viertens: Damit bekommen wir so viel heraus, dass es knapp mehr ist als die Grundsicherung. Die Jungen sind im Wohlstand aufgewachsen – sicher. Aber man darf die Themen nicht als Luxusprobleme unter den Teppich kehren. Es gibt bereits heute Altersarmut, und die wird zunehmen.

Was muss passieren?

Gründinger: Es macht einen Unterschied, ob heute in Bildung und Forschung investiert wird oder erst später. Gut ausgebildete Menschen sichern auch in Zukunft die wirtschaftliche Leistungskraft, die wir benötigen, um unseren Wohlstand aufrechtzuerhalten. Wir müssen den Wandel managen.

Herr Späth, was passiert, wenn nichts passiert?

Späth: Dann passiert nichts.

Wenn es so bleibt wie heute, wird es Probleme geben, wie es Herr Gründinger geschildert hat. Es muss doch Veränderungen geben.

Späth: Es passiert nichts. Ich kann es Ihnen in Zahlen sagen. Jeder dritte Deutsche über 16 Jahre engagiert sich gemeinnützig mit irgendeinem Beitrag. Das ist eine freiwillige Hilfeleistung im Wert von mehreren Milliarden Euro. Wenn man den Zivildienst behalten hätte oder gar Männer und Frauen ein Jahr Dienst im sozialen Bereich leisten müssen, dann wäre viel geholfen.

Zu diesem Artikel
13 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 15.10.2011, 21:24 UhrAnonymer Benutzer: Coqui

    Herrn Gründiger: Die Renten 2011 werden - wie jedes Jahr - nicht von einer Generation bezahlt, sondern zu einem Drittel aus Steuern (die alle bezahlen auch die über 60), zu einem Drittel aus Arbeitgeberbeiträgen, die auch alle über die Preise bezahlen und zu einem Drittel von beiträgen dieses Jahres, die Versicherte bezahlen und dafür Anrechte erwerben - wie bei der Allianz auch.
    Wenn die Zahl/beiträge der beitragszahler kleiner wird/werden, sinkt die Verschuldung der Rentenversicherung und der Staat muss mehr dazuzahlen analog wie in diesem Fall bei der Allianz Rückstellungen aufgelöst werden müßten. Mit der Geburtsrate oder mit Generationenvertrag hat das alles nichts zu tun

  • 15.10.2011, 18:17 UhrAnonymer Benutzer: Die Revolution frisst ihre Kinder:

    Die Revolution im Gesundheitswesen hat zur Folge, daß beinahe jeder Mensch mit einem vernünftigen Lebenswandel 100 Jahre alt wird - und die mit unvernünftigem Lebenswandel noch extra 20 Jahre künstlich am Leben gehalten werden.

    Die "Medizin" frisst uns auf...

  • 15.10.2011, 10:59 UhrAnonymer Benutzer: AJ

    @D.S.
    Wir haben in Deutschland in vielen bereichen das "Duale System", d.h. es existieren zwei Paralleluniversen nebenher. Auf Dauer wird das nicht gut gehen. beispiele:
    Private und gesetzliche Krankenversicherung,
    Renten- und Pensionsempfänger,
    Sozialversicherungspflichtige und nicht Versicherte,
    Auf Dauer wird das nicht funktionieren. bei den gesetzlichen Kassen erleben wir jetzt schon ein Kassensterben. Wenn die erste große Kasse insolvenz anmeldet (DAK oder barmer), dann wird das System nicht überleben. Pech auch für die Privatversicherten, denn die müssen den Schlamassel mitfinanzieren. Auch werden bund, Länder und Kommunen sich bald das Heer der rüstigen Pensionäre nicht mehr leisten können. Dann wird man -siehe Griechenland- an den Staatsangestellten Exempel statuieren. bei der Pflege sieht es ganz Düster aus. ich kenne schon jetzt die Zustände in den Pflegeheimen. in 40 Jahren wird es 3-4 mal so viel Pflegebedürftige geben und noch weniger Pflegekräfte. Wer dann noch Angehörige hat, dem geht es gut. Die meisten werden grauenvoll dahinsiechen. Gesundheit und Pflege sind in der Tat ein "Luxusproblem". Es werden sich nur noch die Reichen leisten können.
    Lauter tickende Zeitbomben und die Politik macht nur Schönheitskorrekturen! Es ist unfassbar ...

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Alternativen gesucht
Alternativen gesucht

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.