Denkfabrik: 82 Prozent der Deutschen lehnen Rente mit 67 ab

kolumneDenkfabrik: 82 Prozent der Deutschen lehnen Rente mit 67 ab

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Renate Köcher

Dass die Rente sicher ist, glauben nur noch die wenigsten Bundesbürger. Trotzdem sinkt das Problembewusstsein – und die Akzeptanz von Reformen ist gering, sagt Renate Köcher, Chefin des Allensbach Instituts.

Das öffentliche Nachdenken der Bundesbank über die langfristige Anhebung des Rentenalters von 67 auf 69 Jahre hat bei beiden Volksparteien zu heftigen Reaktionen geführt. Das ist kein Wunder, denn die Beschlüsse der großen Koalition zur langsamen Anhebung des Rentenalters ab 67 Jahre gehören zu den unpopulärsten Entscheidungen dieser Legislaturperiode. Nur zehn Prozent der Bürger bewerten diesen Beschluss positiv, 82 Prozent negativ.

Obwohl der großen Mehrheit bewusst ist, dass die Alterung der Gesellschaft dazu führt, dass die Rentenlasten in den nächsten Jahrzehnten kontinuierlich steigen, werden alle politischen Gegenmaßnahmen mit Argwohn betrachtet. Die Anhebung des Rentenalters auf 67 Jahre war zu keinem Zeitpunkt populär. Die Mehrheit der Bürger war und ist nicht einmal bereit zu konzedieren, dass sie sachlich notwendig ist. Sowohl vor wie nach dem Beschluss, das Rentenalter zu erhöhen, zeigte sich völlig stabil nur ein Viertel der Bevölkerung überzeugt, dass an dieser Maßnahme aufgrund der demografischen Entwicklung kein Weg vorbei führt.

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Viele scheiden vor dem 65. Lebensjahr aus

Die meisten Bürger wollen nicht länger arbeiten...

Die meisten Bürger wollen nicht länger arbeiten...

Die weitverbreitete Überzeugung, dass schon die Heraufsetzung auf 67 Jahre nicht notwendig wäre, hat nicht nur mit innerem Widerstand gegen eine verlängerte Lebensarbeitszeit zu tun, sondern auch mit der Beobachtung, dass viele Berufstätige vor dem 65. Lebensjahr ausscheiden – und dazu in der Vergangenheit und teilweise auch heute noch von den Unternehmen ermuntert werden. Das faktische durchschnittliche Renteneintrittsalter ist zwar in den vergangenen Jahren angestiegen, liegt aber mit 61 Jahren immer noch relativ niedrig.

Die Mehrheit der Bürger ist überzeugt, dass Unternehmen ihre Mitarbeiter lieber so früh wie möglich in den Ruhestand entlassen; nur zwölf Prozent gehen davon aus, dass Unternehmen heute Wert darauf legen, ihre Mitarbeiter so lange wie möglich zu behalten. Nur jeder Dritte erwartet, dass die Betriebe in Zukunft mehr Wert darauf legen werden, ältere Mitarbeiter länger zu halten. Die meisten sehen darin auch keinen Nachteil, gilt doch die nachberufliche Phase heute vielen als neuer Lebensabschnitt voller Verheißung, dessen Freiheitsspielräume und Entfaltungsmöglichkeiten die meisten möglichst lange und bei guter Gesundheit auskosten möchten. Dass mit dem Ausscheiden aus dem Beruf der schönste und wichtigste Teil des Lebens vorbei sei, glauben heute gerade einmal sieben Prozent. 60 Prozent verbinden dagegen mit dem Ruhestand einen vielversprechenden Neuanfang.

Weniger Angst vor sinkenden Renten

Vor die Alternative gestellt, länger zu arbeiten oder höhere Beiträge zur Rentenversicherung zu akzeptieren, entscheiden sich entsprechend nur 29 Prozent der Berufstätigen für die längere Lebensarbeitszeit, 32 Prozent für höhere Beiträge. Die größte Gruppe, 39 Prozent aller Berufstätigen, mag sich angesichts dieser Alternative nicht entscheiden – in der Hoffnung, dass sich beides vermeiden lässt. Entsprechend kann die Politik auch bei keiner möglichen Gegenstrategie auf nennenswerten Rückhalt in der Bevölkerung bauen.

Egal, ob eine weitere Anhebung des Rentenalters, höhere Beiträge, geringere Rentenzuwächse oder Steuererhöhungen zur Diskussion gestellt werden – alle Maßnahmen werden von über 60 Prozent abgelehnt und von maximal einem Fünftel unterstützt. Selbst wenn ausdrücklich auf die Folgen des demografischen Wandels für die Rentenkassen hingewiesen wird, sprechen sich knapp zwei Drittel der Bürger gegen geringere Rentensteigerungen und höhere Beiträge aus. 70 Prozent halten höhere Steuern für einen ungeeigneten Weg, 73 Prozent eine weitere Anhebung des Rentenalters.

...sind aber bei der Frage der Finanzierung ratlos

...sind aber bei der Frage der Finanzierung ratlos

Die vergangenen zwei Jahre haben in der Bevölkerung auch wider besseres Wissen die Hoffnung genährt, dass an der Rentenfront in den nächsten Jahren wenig Unbill droht. Zwar bezweifeln rund 80 Prozent, dass die Renten langfristig sicher sind; gleichzeitig haben sich unter dem Eindruck der außerplanmäßigen Rentenerhöhung 2008 und dem spürbaren Rentenanstieg in diesem Jahr die Erwartungen gravierend verändert, wie es auf Sicht von zehn Jahren mit den Renten weitergehen wird. Hatten sich die Rentner wie die gesamte Bevölkerung seit Mitte der Neunzigerjahre noch sukzessive darauf eingestellt, dass die Alterseinkünfte mittelfristig sinken, befürchtet dies heute nur noch jeder Fünfte. So breit die Front gegen ein höheres Renteneintrittsalter und andere Maßnahmen zur Milderung der Rentenprobleme ist, so positiv werden Rentenerhöhungen und Rentengarantien bewertet.

Rentenpolitik ist ein vermintes Gelände, das auch die jüngere Politikergeneration, die in den nächsten Jahrzehnten mit ständig steigenden Rentenlasten konfrontiert sein wird, das Fürchten lehren dürfte.

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