Denkfabrik: Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft sinkt

Denkfabrik: Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft sinkt

Marktwirtschaft unter Druck: Erstmals seit Jahrzehnten steigt in einer Aufschwungphase nicht gleichzeitig die Akzeptanz für unsere Wirtschaftsordnung, sagt Renate Köcher.

Die deutsche Konjunktur präsentiert sich zurzeit noch bemerkenswert robust, die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt ist eindrucksvoll: Die Arbeitslosenzahl hat sich binnen zwei Jahren um 1,3 Millionen verringert. Immer mehr Menschen profitieren vom wirtschaftlichen Aufschwung. Man sollte also meinen, dass diese Entwicklung das Vertrauen der Bürger in unser Wirtschaftssystem wieder gestärkt hat, das in der vorhergehenden Phase der Wachstumsschwäche massiv erschüttert wurde. Nachdem der überzeugte Rückhalt für die Marktwirtschaft in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre kontinuierlich zugenommen hatte, sackte dieses Vertrauen zwischen 2000 und 2004 von 51 auf 36 Prozent ab. Und es hat sich trotz der guten Konjunktur und Arbeitsmarktentwicklung bis heute nicht nachhaltig erholt, im Gegenteil: Eine aktuelle Untersuchung des Bürgerforums der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass nur noch 31 Prozent der Bürger eine gute Meinung von der sozialen Marktwirtschaft haben.

Dies ist ungewöhnlich. Über die vergangenen Jahrzehnte hinweg galt immer die Faustregel, dass das Zutrauen in unsere marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung in längeren und dynamischen Aufschwungphasen wächst, in denen mehr Menschen von den wirtschaftlichen Erfolgen profitieren. Diese Regel scheint dieses Mal außer Kraft gesetzt.

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Was sind die Gründe dafür? Zunächst fällt auf, dass die Bevölkerung diesmal bemerkenswert wenig Vertrauen hat, dass der wirtschaftliche Aufschwung länger andauert. Während in Europa und weit darüber hinaus die dynamische deutsche Wachstumsphase beeindruckt zur Kenntnis genommen wird, sind in Deutschland selbst gerade einmal 26 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass die gute Konjunktur wenigstens für die nächsten sechs Monate andauern wird. Ebenso viele rechnen bereits in den kommenden Monaten mit einer deutlichen Abkühlung der Konjunktur. Anders als in früheren Aufschwungphasen ist auch das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung bisher nicht gewachsen. In der Gedanken- und Gefühlswelt der Bürger dominieren nach wie vor die Unsicherheit, ob die Zukunft einigermaßen verlässlich kalkulierbar ist, und eine ausgeprägte Konzentration auf Risiken.

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Dies hat zum einen mit objektiven konjunkturellen Risikofaktoren zu tun, wie der Entwicklung der Wechselkurse, die besonders die Wirtschaft beschäftigt und die Bilanzen eines Teils der Unternehmen beeinträchtigt, zum anderen mit der hohen Inflation, die die Bevölkerung zurzeit umtreibt wie kein anderes Problem. Vor allem die Entwicklung der Energie- und Lebensmittelpreise steht seit Monaten an der Spitze des Sorgenkatalogs der Bürger. Dass sie darüber hinaus mitten in einer weltwirtschaftlichen Aufschwungphase zunehmend mit Themen wie Lebensmittelknappheit, wachsenden sozialen Unterschieden und Armut konfrontiert werden, verstärkt weit verbreitete Zweifel, ob ein Aufschwung heute tatsächlich eine bessere Zukunft, mehr Wohlstand und Sicherheit für viele bedeutet.

Dies beeinträchtigt gleichzeitig das Vertrauen in das Wirtschaftssystem insgesamt. Es ist bemerkenswert, wie unsicher die Bevölkerung ist, ob die soziale Marktwirtschaft im Zeitalter der Globalisierung noch zeitgemäß ist. 40 Prozent der Bürger sind überzeugt, dass sich dieses Wirtschaftsmodell künftig nicht durchhalten lässt, weitere 35 Prozent sind in dieser Frage unsicher. Nur 25 Prozent der Bevölkerung halten die Marktwirtschaft im heutigen Umfeld noch für zeitgemäß.

Allerdings sieht auch nur eine kleine Minderheit eine überzeugende Alternative zur marktwirtschaftlichen Ordnung. 14 Prozent der gesamten Bevölkerung und auch nur 19 Prozent der Ostdeutschen sind davon überzeugt, dass es ein Wirtschaftssystem gibt, das der Marktwirtschaft überlegen ist. Umgekehrt sind jedoch auch nur 43 Prozent der westdeutschen und 27 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung sicher, dass keine überzeugende Alternative existiert und die Marktwirtschaft das überlegene System ist. Knapp die Hälfte der gesamten deutschen Bevölkerung traut sich kein Urteil zu, ob die Marktwirtschaft das beste System ist – oder eine andere Wirtschaftsordnung.

Ein überzeugter Rückhalt sieht anders aus. Eine der erfolgreichsten Wirtschaftsnationen der Erde ist weder überzeugt, dass sie zu den Gewinnern der Globalisierung gehört, noch glaubt sie an die ökonomische und soziale Überlegenheit ihrer Wirtschaftsordnung. Die freie Wirtschaftsordnung ängstigt viele, statt als Garant von Freiräumen und Wohlstand anerkannt zu werden. Die Marktwirtschaft braucht daher mehr engagierte Verteidiger.

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