Denkfabrik: Allensbach: Mehrheit der Bundesbürger will Banken pleite gehen lassen

Denkfabrik: Allensbach: Mehrheit der Bundesbürger will Banken pleite gehen lassen

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Renate Köcher ist u.a. Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

Die Finanzmarktkrise könnte das Verhältnis von Staat und Wirtschaft gravierend verändern. Marktwirtschaftliche Positionen geraten zunehmend in die Defensive, sagt Renate Köcher.

Zurzeit sind die Rollen klar verteilt: Fehlmanagement und Spekulantentum sind die Verursacher der Krise. Der Staat hingegen ist die Institution, von der Rettung und Heilung erwartet wird. In atemberaubendem Tempo wird der Verantwortungsbereich der Politik ausgedehnt. Mitten in den Rettungsmanövern für die Finanzmärkte sieht sie sich mit der Erwartung konfrontiert, auch die Konjunktur zu stabilisieren. Parallel setzt eine Debatte über den Sozialstaat ein, angetrieben von denjenigen, die schon immer glaubten, dass mehr Eigenverantwortung und weniger Staat ein Irrweg seien.

Der starke Staat hat Konjunktur, während das Vertrauen in die Regulierungsmechanismen eines freien Wirtschaftssystems leidet. Zwar hat sich die Krise auf die Grundhaltung zum Wirtschaftssystem noch nicht unmittelbar ausgewirkt. Dies geht jedoch vor allem darauf zurück, dass das Vertrauen in die Wirtschaftsordnung bereits beim Zusammenbruch der New-Economy-Fantasien zu Beginn des Jahrzehnts einen Schlag erlitten hatte, von dem es sich nie mehr erholte. In den vergangenen Jahren ist mit der Besserung auf dem Arbeitsmarkt das Vertrauen in das Wirtschaftssystem tendenziell gestiegen, jedoch auf niedrigem Niveau.

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Grafik: Bürger wünschen staatliche Intervention... (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Grafik: Bürger wünschen staatliche Intervention... (Zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

23 Prozent der westdeutschen und 30 Prozent der ostdeutschen Bevölkerung sehen die aktuelle Krise als Beweis dafür, dass ein freies Wirtschaftssystem auf Dauer nicht funktionieren könne – eine beunruhigend große Gruppe, gleichzeitig jedoch eine klare Minderheit. Es sieht nicht so aus, als hätte die Bevölkerung große Lust, in eine grundsätzliche Systemdebatte einzutreten. So sehr das Vertrauen in die Marktwirtschaft gelitten hat, so wenig glaubt die überwältigende Mehrheit an eine überzeugende Alternative. Ein stärker staatlich kontrolliertes Wirtschaftssystem wird auch nicht als Verheißung einer besseren Zukunft gesehen. Nur 13 Prozent der Bürger glauben, dass es ihnen in einem solchen System besser ginge. 26 Prozent gehen davon aus, dass eine stärker staatlich gelenkte Wirtschaft ihre wirtschaftliche Situation beeinträchtigen würde. Dieses Meinungsbild hat sich in den vergangenen drei Jahren nicht nennenswert verändert.

Zwiespältige Meinung gegenüber staatlichen Interventionen

Auch wenn sich die Mehrheit von mehr staatlicher Einflussnahme keine unmittelbaren positiven Auswirkungen auf die eigene Lage verspricht, ist die Präferenz für einen starken und ausgreifenden Staat sehr ausgeprägt. 50 Prozent der Bevölkerung halten die Wirtschaft für so wichtig, dass sich der Staat intensiv darum kümmern sollte und „in jedem Fall eingreifen, wenn es Probleme gibt“. Diese Haltung war bereits vor der Krise festgefügt und wurde vor drei Jahren bereits von 49 Prozent vertreten. Was sich verändert hat, ist die Bereitschaft, die Gegenposition zu beziehen und offensiv gegen staatliche Interventionen Stellung zu nehmen. Vor drei Jahren vertraten 36 Prozent die Auffassung, der Staat solle so wenig wie möglich in die Wirtschaft eingreifen. Jetzt sind es nur noch 29 Prozent, in Ostdeutschland ganze 19 Prozent. Die Verfechter von wirtschaftlichen Freiheitsspielräumen fühlen sich in der Defensive.

Grafik: ...aber zweifeln am Rettungsplan für die Banken (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Grafik: ...aber zweifeln am Rettungsplan für die Banken (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

Gleichzeitig kann die Politik keineswegs sicher sein, dass es ihr die Anerkennung der Bürger sichert, wenn sie den staatlichen Verantwortungsbereich ausweitet. Nicht nur die Suggestion, die Politik könne Konjunkturen gestalten und Rezessionen abfangen, kann ihr gefährlich werden, von den Folgen für den Staatshaushalt ganz zu schweigen. Selbst die Rolle des Retters und Krisenmanagers ist in der öffentlichen Meinung eine Gratwanderung. Wie zwiespältig die Bevölkerung trotz ihrer Überzeugung, dass der Staat das Finanzwesen stärker regulieren soll, den aktuellen Rettungsmanövern gegenübersteht, zeigt dies: Nur 30 Prozent halten es für richtig, in Not geratene Banken grundsätzlich zu retten, 44 Prozent finden es besser, auch Konkurse in Kauf zu nehmen. Diese Auffassung hat in den letzten Monaten deutlich an Rückhalt gewonnen. Das Sicherheitsbedürfnis bricht sich hier an dem verletzten Gerechtigkeitsempfinden. Angesichts der Ereignisse verstärkt sich die Haltung, dass die, die verantwortungslos handelten, auch mit voller Wucht die Konsequenz tragen sollen.

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