Denkfabrik: Ausstieg aus der Euro-Zone könnte sich lohnen

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Könnte sich der Ausstieg aus der Euro-Zone lohnen?

Kolumne

Trotz Aufschwung könnten die Spannungen in der Euro-Zone zunehmen. Für manche Staaten könnte es sich sogar lohnen, die Währungsunion zu verlassen, sagt Martin Feldstein.

Ich gestehe: Ich bin ein Euro-Zweifler. Sicher, der Euro hat den Handel vereinfacht. Er hat aber auch erhebliche Probleme für die Geldpolitik geschaffen. Schon vor seiner Geburt fragten manche Ökonomen (einschließlich ich selbst), ob eine Gemeinschaftswährung für eine derart heterogene Gruppe von Ländern funktionieren kann. Eine einheitliche Währung bedeutet eine einheitliche Geldpolitik und einen einheitlichen Zinssatz, auch wenn die wirtschaftlichen Bedingungen und Konjunkturzyklen in den Mitgliedsländern der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) erheblich voneinander abweichen. Eine einheitliche Währung bedingt auch einen einheitlichen Wechselkurs gegenüber anderen Währungen. Das nimmt jedem Land der Euro-Zone die Möglichkeit natürlicher Marktreaktionen auf chronische Handelsbilanzdefizite. Hätte das betreffende Land seine eigene Währung, würde der Wechselkurs nachgeben, wovon Exporte profitieren und Importe erschwert würden. Ohne eigene Währung aber sind sinkende Reallöhne oder relative Produktivitätszuwächse das einzige Mittel gegen chronische Handelsbilanzdefizite.

Die Europäische Zentralbank (EZB) verfolgt momentan eine lockere Geldpolitik. Wenn sich die Wirtschaft erholt, muss die EZB Liquidität vom Markt nehmen und die kurzfristigen Zinssätze erhöhen. Das wird sich auf manche Staaten günstiger auswirken als auf andere und Widerstände provozieren. Schauen wir uns zum Beispiel Deutschland und Spanien an. In Deutschland beträgt die Arbeitslosenquote etwa 8 Prozent – in Spanien 19 Prozent. Während Deutschland in den zwölf Monaten bis zum vergangenen August einen Außenhandelsüberschuss von 117 Milliarden Euro anhäufte, verzeichnete Spanien ein Defizit von 56 Milliarden Euro. Hätte Spanien noch die Peseta und Deutschland die D-Mark, käme es nun zu einer Aufwertung der Mark und einer Abwertung der Peseta. Dadurch würde die Nachfrage nach spanischen Exporten angekurbelt und Spaniens Importe verringert, wodurch die Binnennachfrage gestärkt und die Arbeitslosenzahlen verringert würden.

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Zinsschere geht auseinander

Da die von der EZB festgesetzten Zinsen aktuell bei weniger als einem Prozent liegen, besteht kein großer Unterschied zwischen der aktuellen Geldpolitik und dem, was die Bank von Spanien machen würde, könnte sie ihre eigenen Zinssätze festlegen. Wenn sich die Euro-Zone allerdings nachhaltig erholt, entschließt sich die EZB möglicherweise, die Zinsen anzuheben, bevor dies für Spanien günstig ist. Damit könnte ausgerechnet der Aufschwung dazu führen, dass die Spannungen in der Euro-Zone zunehmen. Im Extremfall könnten manche Länder gar den Ausstieg aus der Gemeinschaftswährung in Erwägung ziehen. Spanien ist nicht das einzige Land, das einen Anreiz hätte, aus der WWU auszusteigen. Auch Griechenland, Irland, Portugal und Italien werden als Länder genannt, die von einer eigenen unabhängigen Geldpolitik profitieren könnten.

Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de Quelle: Laif/Polaris

Martin Feldstein ist Professor an der Harvard-Universität. Der renommierte US-Ökonom schreibt jeden Monat exklusiv für WirtschaftsWoche und wiwo.de

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Die immer weiter auseinanderklaffenden Zinsspreads zwischen deutschen Staatsanleihen und denen anderer Länder zeigen, dass man dieses Risiko auf den globalen Anleihemärkten ernst nimmt. Während die aktuelle Rendite der staatlichen deutschen Zehn-Jahres-Anleihe bei 3,33 Prozent liegt, weisen griechische Anleihen einen Wert von 4,7 Prozent auf; in Irland sind es 4,77 Prozent. Diese unterschiedlichen Erträge spiegeln das am Markt empfundene Ausfallrisiko wider – und womöglich auch das Risiko einer effektiven Abwertung im Zusammenhang mit einem Austritt aus der Euro-Zone.

Ein Austritt wäre natürlich technisch und politisch ein Problem. Wie würde der Wechselkurs für die neue Währung – nennen wir sie: „neuer Franc“ – festgesetzt? Es läge auf der Hand, einen „neuen Franc“ für einen Euro auszugeben und die weitere Entwicklung den Devisenmärkten zu überlassen. Ein Land mit großem Handelsbilanzdefizit würde mit einer Abwertung seiner Währung gegenüber dem Euro von beispielsweise 1,2 „neuen Francs“ pro Euro rechnen, wodurch seine Produkte gegenüber jenen in anderen Euroländern um 20 Prozent billiger und die Importe verteuert würden.

Weil die Menschen im Ausstiegsland weiter Euro halten könnten, würde ein Ausstieg nicht zu einem Verlust existierender Vermögenswerte führen – wohl aber zu einer Reaktion der Kapitalmärkte. Wenn das Aussteigerland auf Abwertung und Inflation setzt, könnten internationale Anleger ihre Mittel abziehen – und die Zinsen für Staatsschulden in die Höhe treiben. Zudem drohen politische Folgen: Hätte ein Land, das aus der WWU aussteigt, nicht sinkenden Einfluss? Würde es im Extremfall aus der EU hinausgedrängt und damit seine Handelsvorteile zur Gänze verlieren? Diese Risiken reichen womöglich, um Wackelkandidaten von einem Austritt abzuhalten. Das ist für sie mit hohen Kosten verbunden. Irgendwann kommt das eine oder andere Land vielleicht zu dem Schluss, dass die Kosten zu hoch sind.

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