Denkfabrik: Das Märchen von der Schrottbank

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kolumneDenkfabrik: Das Märchen von der Schrottbank

Kolumne

Die Kritik von Hans-Werner Sinn an den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank ist unberechtigt. Die Ausfallrisiken der Papiere sind geringer als befürchtet. Zudem steigern die Zinseinnahmen daraus den Gewinn der Zentralbank.

Oh, Kassandra. Im deutschen Elfenbeinturm hättest du dich wohlgefühlt. Dort reißt der Strom der Schauergeschichten nicht ab. Im Jahr 2005 machte die düstere These die Runde, Deutschland würde zu einer Basar-Ökonomie verkommen. Stattdessen begann bei uns damals dank der Reformen des Jahres 2004 eine industrielle Renaissance, um die uns die Welt bis heute beneidet. Und trotz schriller Warnungen deutscher Ökonomen der letzten fünf Jahre, dass die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) unweigerlich zu Inflation führen müsse, ist der Auftrieb der Verbraucherpreise heute so verhalten wie selten zuvor.

Reaktionen auf EZB-Zinssenkung und Wertpapierkäufe

  • Worum es geht

    Die EZB senkt im Kampf gegen eine drohende Deflation ihren Leitzins überraschend auf das neue Rekordtief von 0,05 Prozent. Der Schlüsselsatz für die Versorgung des Bankensystems mit Zentralbankgeld lag seit Juni bei 0,15 Prozent. In der anschließenden Pressekonferenz kündigte Zentralbank-Chef Mario Draghi zudem an, dass die EZB sogenannte Kreditverbriefungen (ABS) sowie Pfandbriefe aufkaufen wird. Ökonomen und Händler sagten dazu in ersten Reaktionen:

  • Hans-Werner Sinn, ifo-Präsident

    "Die EZB hatte ihr Pulver schon viel zu früh verschossen und die Zinsen zu weit gesenkt. Jetzt ist sie in der Liquiditätsfalle. Sie kann an dieser Stelle kaum noch etwas tun. Bedauerlicherweise deutet sich auch der Kauf von Anleihen durch die EZB an. Damit würde sie das Investitionsrisiko der Anleger übernehmen, wozu sie nicht befugt ist, weil es sich dabei um eine fiskalische und keine geldpolitische Maßnahme handelt. Eine solche Politik ginge zulasten der Steuerzahler Europas, die für die Verluste der EZB aufkommen müssten."

  • Ralf Umlauf, Helaba

    "Die Notenbanker argumentieren mit den zuletzt schwachen Konjunkturdaten und der geringen Inflation. Auch die gesunkenen mittelfristigen Inflationserwartungen wurden thematisiert. In diesem Zusammenhang wurden auch die Projektionen für Wachstum und Inflation in diesem Jahr nach unten angepasst. Insofern bleibt die Tür für weitergehende Lockerungsschritte weit geöffnet."

  • Eugen Keller, Metzler Bank

    "EZB-Chef Mario Draghi hat geliefert, warum auch immer. Für uns ist das nicht gerade eine glückliche Maßnahme. Alle Banken und Vermögensverwalter sind jetzt in noch größerer Not, ihre Liquidität irgendwo zu parken, ohne bestraft zu werden. Auch die Sparer dürften sich verraten fühlen und werden immer mehr ins Risiko gezwungen."

  • Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer Bankenverband BDB

    "Die ökonomischen Wirkungen der heutigen Zinssenkung sind vernachlässigbar. Die EZB hat sich im Vorfeld der Zinsentscheidung unnötig unter Zugzwang gesetzt. Die Gefahr, dass der Euro-Raum in eine gefährliche Deflationsspirale rutscht, ist nach wie vor gering. Auf der anderen Seite wächst mit den Aktivitäten der EZB die Gefahr, dass die in mehreren Euro-Ländern dringend erforderlichen Wirtschaftsreformen weiter verschleppt werden."

  • Marco Bargel, Postbank-Chefvolkswirt

    "Das ist überraschend. Eine Zinssenkung hatte niemand so richtig auf der Agenda - zumal sie konjunkturell nichts bringt und verpuffen wird. Die Deflationsgefahr lässt sich damit nicht vertreiben. Dazu bedarf es eher eines Anleihen-Kaufprogramms. Die EZB signalisiert mit ihrer Maßnahme aber, dass sie sehr weit zu gehen bereit ist. Das ist eher ein symbolischer Schritt. Die realwirtschaftlichen Folgen sind bescheiden."

  • Carsten Brzeski, ING

    "Beginnt jetzt auch EZB-Chef Mario Draghi damit, Geld aus dem Hubschrauber abzuwerfen? Wenn Draghi um 14.30 Uhr mit der Pressekonferenz beginnt, wissen wir mehr. Dann wird sich zeigen, ob die Zinssenkung nur das Vorspiel für weiteres geldpolitisches Feuerwerk sein wird oder er damit den bequemsten Weg wählte, um unkonventionelle Maßnahmen in großem Stil ohne Gesichtsverlust abzuwenden."

  • Ein Aktienhändler

    "Das war schon eine heftige Überraschung, mit einer Zinssenkung hat kaum einer gerechnet. Bei der Senkung der Zinsen handelt es sich zwar nur noch um Nuancen, aber das ist ein wichtiges Signal an die Kapitalmärkte, dass die EZB bereit ist, alles zu tun, was nötig ist."

Jetzt hat sich auch Hans-Werner Sinn, Chef des ifo Instituts, dem Chor der Kritiker angeschlossen, die die EZB als „Bad Bank“ verunglimpfen. Durch die avisierten Käufe fragwürdiger Anleihen würde sie Banken deren Bilanzschrott abnehmen und den Steuerzahlern unverantwortliche Risiken aufbürden. Genauso wie einst die Fehlprognose, die EZB führe uns in die Inflation, beruht die „Bad Bank“-Anklage auf einem volkswirtschaftlichen Anfängerfehler. Denn Einkommen und Wohlstand, Arbeitsplätze und Risiken sind keine fest vorgegebenen Größen, die nur umverteilt werden können, sei es zwischen Arm oder Reich oder zwischen Geschäfts- und Notenbanken. Nein, diese Größen werden entscheidend durch die Wirtschaftspolitik gestaltet. Eine falsche Geldpolitik erhöht die Risiken, eine angemessene Geldpolitik mindert die Risiken.

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Tim Rahmann und Konrad Fischer liefern sich einen verbalen Schlagabtausch. In der ersten Runde ging es um die Frage, ob die Geldpolitik der EZB Fluch oder Segen ist.

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Rezessionen sind teuer. Gemessen am Anstieg unserer Staatsschulden, hat die Mega-Rezession nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 die deutschen Steuerzahler über 250 Milliarden Euro gekostet. Im Sommer 2012 stand Deutschland erneut am Rande einer Rezession. Erst mit seiner Ansage, der grassierenden Spekulation auf einen Zerfall des Euro notfalls energisch entgegenzutreten, hat EZB-Präsident Mario Draghi die Panik gestoppt. Er hat uns damit Rezessionskosten von mehreren Milliarden Euro erspart.

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