Denkfabrik: Die Mehrheit ist zufrieden

Denkfabrik: Die Mehrheit ist zufrieden

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Renate Köcher ist u.a. Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach

Die Bundesbürger schätzen die Aufbauleistung und Stabilität ihres Landes. Doch speziell in Ostdeutschland ist der Rückhalt für die Marktwirtschaft noch gering, sagt Renate Köcher.

Die Zahlen sind eindeutig: Die große Mehrheit der Deutschen blickt voller Stolz auf die Bilanz der vergangenen 60 Jahre zurück. 78 Prozent der Bürger halten die Entwicklung der Bundesrepublik für eine eindrucksvolle Erfolgsgeschichte. Nicht nur der Wiederaufbau und ökonomische Aufstieg aus den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erfüllen die meisten mit Stolz, sondern auch die friedliche Wiedervereinigung, die Stabilität der deutschen Demokratie, die freiheitsorientierte Grundordnung des Landes, die Verbindung von wirtschaftlicher Effizienz mit sozialer Absicherung und das internationale Ansehen Deutschlands.

Dabei war die große Mehrheit anfangs mehr als skeptisch, ob das Land wirklich auf dem richtigen Weg sei. Die frühen Umfragen des Allensbacher Instituts zeigen, dass in den ersten Jahren wenig von Aufbruchstimmung, von Lust an Freiheit und von Zuversicht zu spüren war. Die meisten Menschen kämpften damals mit den Folgen des Krieges, mit dem Verlust von Familienmitgliedern und Freunden, mit den Folgen von Zerstörung, Vertreibung und Mangelwirtschaft. Die Generationen, die später in einem Umfeld von Stabilität und Wohlstand geboren wurden, sind heute überzeugt, dass es nach 1949 unaufhaltsam aufwärtsging. Tatsächlich gaben jedoch Anfang der Fünfzigerjahre 44 Prozent der Bevölkerung an, dass es ihnen schlechter ginge als ein Jahr zuvor, nur 16 Prozent ging es besser.

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Der Mehrheit fehlte damals jegliches Zutrauen, dass sich ihre Situation in absehbarer Zeit verbessern würde. Die damaligen Schwierigkeiten, selbst einfachste Dinge sicherzustellen, sind heute kaum noch nachvollziehbar. So sorgten sich noch 1951 61 Prozent der Bürger, ob sie für den Winter ausreichend Brennstoff zur Verfügung haben würden. Auch die Inflation beunruhigte die Menschen: 66 Prozent zogen zu Beginn der Fünfzigerjahre die Bilanz, dass die Preise allein innerhalb der letzten acht Wochen merklich gestiegen seien.

Stolz auf die Erfolge (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

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Entsprechend verfolgte die große Mehrheit zu diesem Zeitpunkt Ludwig Erhards Weg in eine freiheitliche Wirtschaftsordnung mit Misstrauen. Damals wurde schon die Freigabe der Eierpreise zu einem Politikum. Zu Beginn der Fünfzigerjahre sprachen sich noch 47 Prozent der Bevölkerung für generell von der Regierung festgesetzte Preise und die Wiedereinführung von Bezugsscheinen und Lebensmittelkarten aus. Die Marktwirtschaft wurde somit gegen erheblichen Widerstand errichtet und machte Erhard zunächst zu einem der unpopulärsten Politiker der Republik.

Grundordnung stößt bis heute auf große Zustimmung

Erst der offenkundige Erfolg unserer Wirtschaftsordnung verwandelte die Deutschen allmählich in Anhänger der sozialen Marktwirtschaft. Die Erfolgsgeschichte der ersten Jahrzehnte nährte allerdings die Illusion, dass es nur aufwärtsgehen könne: immer mehr Wachstum, immer mehr Verteilungsspielräume, immer mehr Wohlstand. Die wirtschaftlichen Schwächephasen in den vergangenen Jahrzehnten führten zu einer Ernüchterung und haben den Rückhalt für das marktwirtschaftliche System geschwächt.

Das politische System stellen die Bürger hingegen weniger infrage. Die in der Verfassung festgeschriebene Grundordnung der Republik wird heute von der überwältigenden Mehrheit bejaht. 62 Prozent (Westdeutschland: 69 Prozent) halten die bundesdeutsche Demokratie für die bestmögliche politische Ordnung, nur 15 Prozent glauben, dass es eine überlegene Alternative gibt. Das Grundgesetz fand über die Jahrzehnte hinweg immer mehr Anerkennung. Auch wenn die meisten nur begrenztes Wissen über dessen Inhalte haben, ist die große Mehrheit sicher, dass es eine gute Grundordnung ist. Mitte der Fünfzigerjahre waren davon nur 30 Prozent der Westdeutschen überzeugt, knapp zwei Jahrzehnte später 52 Prozent. Heute sind es 82 Prozent.

Systemzweifel im Osten (zur Vollansicht bitte auf die Grafik klicken)

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Der im Westen über Jahrzehnte gewachsenen Akzeptanz der politischen und wirtschaftlichen Grundordnung steht in Ostdeutschland auch 20 Jahre nach dem Mauerfall noch eine deutlich niedrigere Akzeptanz gegenüber. Es ist bemerkenswert, wie weit verbreitet dort noch die Vorstellung ist, es gäbe Erfolg versprechende Alternativen zum politischen und wirtschaftlichen System der Bundesrepublik. Nur 33 Prozent der Ostdeutschen halten die bundesdeutsche Demokratie für die beste Staatsform, 29 Prozent sind von der Existenz überlegener Alternativen überzeugt. 25 Prozent der ostdeutschen, aber nur 11 Prozent der westdeutschen Bevölkerung glauben, dass es ein besseres Wirtschaftssystem als die Marktwirtschaft gibt. Die Erfolge der vergangenen 60 Jahre und der Stolz der Menschen darauf sind somit nur bedingt ein Garant dafür, dass die Voraussetzungen dieser Erfolge nicht infrage gestellt werden.

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