Denkfabrik: DIW-Chef Zimmermann macht sich für Frauen stark

Denkfabrik: DIW-Chef Zimmermann macht sich für Frauen stark

Der Fachkräftemangel lässt sich nicht allein durch Zuwanderer und bessere Qualifizierung beheben. Nötig ist vor allem eine höhere Frauenerwerbsquote, sagt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Alle reden von der drohenden Fachkräftelücke, weil unsere Bevölkerung dramatisch schrumpft und schon 2015 in Deutschland etwa drei Millionen Arbeitskräfte fehlen werden. Prompt erleben wir, typisch deutsch, einen wahren Glaubenskrieg: Die einen empfehlen eine bessere Qualifizierung jener, die bisher auf dem Arbeitsmarkt kaum eine Chance haben. Die anderen fordern mehr Zuwanderung.

Beides ist richtig und notwendig, doch greifen diese Maßnahmen angesichts der Dimension des Problems zu kurz. Wir brauchen eine dritte Strategie – und müssen das weibliche Erwerbspotenzial besser ausschöpfen. Bis zu 2,4 Millionen Frauen könnten zusätzlich für den Arbeitsmarkt gewonnen werden, wenn sich die Rahmenbedingungen verbesserten. Dies aber setzt einen Paradigmenwechsel im Denken und Handeln von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft voraus.

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Ansatzpunkte liefert die Familienpolitik in Frankreich oder Schweden. Dort erhalten Eltern zwar geringere direkte Transferleistungen. Dafür sind öffentliche Hilfen wie Kinderkrippen und Ganztagsschulangebote umso umfassender. Familie und Beruf lassen sich so offenkundig besser vereinbaren. Aktuelle Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zeigen, dass auch bei uns der Ausbau der staatlich geförderten Tagesbetreuung für Kinder bis zu drei Jahren zu einem signifikanten Anstieg der weiblichen Erwerbstätigkeit führen würde – vor allem bei Frauen, die bisher noch keine Kinder haben, sowie in der Gruppe der Frauen mit relativ hohen Bildungsabschlüssen.

Unser deutsches Problem ist ein ganz spezifisches: Auf den ersten Blick liegt der Anteil erwerbstätiger Frauen über dem EU-Durchschnitt. So beträgt die Beschäftigungsquote von Frauen europaweit 58,7 Prozent, in Deutschland sind es 66,1 Prozent. Länder wie die Niederlande, Finnland, Schweden oder Dänemark schneiden allerdings deutlich besser ab. Spitzenreiter Norwegen erreicht 74,1 Prozent. In Deutschland arbeiten viele Frauen nur in Teilzeit, ihr Anteil in der Altersgruppe von 25 bis 49 Jahren liegt bei 39 Prozent. In Frankreich sind es 23 Prozent.

Bessere Betreuungsangebote sind die wichtigste Maßnahme, die berufliche Mobilität von Frauen zu stärken. Darum wäre es ökonomisch verfehlt, den Ausbau der Betreuungsplätze für Kleinkinder oder in Ganztagsschulen durch den allgemeinen Spardruck zu bremsen. Das Kostenproblem ist durchaus lösbar. Die Abschaffung des Ehegattensplittings würde Steuermehreinnahmen von über 30 Milliarden Euro einbringen. Damit könnten nicht nur dringliche Maßnahmen der Familienförderung finanziert, sondern auch die Arbeitsbereitschaft erhöht werden.

Eine wachsende Frauenerwerbstätigkeit führt zu zusätzlichen Wachstumsimpulsen durch die Verlagerung von Haushalts- in Marktproduktion und stärkt so die Binnennachfrage. Goldman Sachs hat errechnet, dass das Bruttosozialprodukt um neun Prozent zulegen könnte, würde das Potenzial an weiblichen Arbeitskräften voll ausgeschöpft.

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