_

Denkfabrik: Exklusivumfrage: Abstiegsangst der Bürger wächst

Die Deutschen bangen um ihre Zukunft. Viele Bürger fürchten, mit den Arbeitseinkommen ihren Lebensunterhalt immer weniger finanzieren zu können, schreibt Allensbach-Chefin Renate Köcher.

Die Bürger sehen den Anteil der Bevölkerung, der trotz Arbeit arm ist, als Massenphänomen
Die Bürger sehen den Anteil der Bevölkerung, der trotz Arbeit arm ist, als Massenphänomen

Die politische Diskussion über das Ausmaß des deutschen Sozialstaats und dessen Auswirkungen auf Arbeitsanreize und Staatsfinanzen hat das Meinungsbild der Bundesbürger spürbar verändert. Immer mehr Bürger halten den Abstand zwischen Erwerbseinkommen und der Höhe der staatlichen Unterstützung von Arbeitslosen für zu gering. In den Neunzigerjahren sah dies nur jeder Zweite so – heute sind es bereits 69 Prozent. Dieser Meinungsumschwung hat besonders in den vergangenen Monaten an Dynamik gewonnen. Mittlerweile ist auch die Mehrheit überzeugt, dass es in Deutschland kein Ausnahmefall ist, wenn ein Arbeitnehmer mit einer Vollzeitstelle weniger Geld zur Verfügung hat als Arbeitslose, die auf die staatliche Hilfe angewiesen sind.

Anzeige

Die zunehmend kritisch bewertete Relation von Arbeits- und Unterstützungseinkommen geht jedoch nur sehr begrenzt auf die Überzeugung zurück, die staatlichen Transfereinkommen seien zu hoch. Nur 19 Prozent der Bürger votieren dafür, die Regelsätze von Hartz IV zu kürzen; die Mehrheit vertritt dagegen die Position, hier dürfe der Staat unter keinen Umständen den Rotstift ansetzen.

Die Besorgnis gilt mehr der Entwicklung der Arbeitseinkommen und der Lebenshaltungskosten als der Höhe staatlicher Hilfen. Zum einen haben Berichte über einzelne Unternehmen, die sich von Mitarbeitern trennen, um sie oder andere in einer neuen Gesellschaft zu ungünstigeren Konditionen neu zu engagieren, einen tiefen Eindruck hinterlassen. Zum anderen haben sich die Arbeitnehmer im Laufe der vergangenen zehn Jahre von der Erwartung verabschiedet, dass Löhne und Gehälter künftig nennenswert steigen werden. Die große Mehrheit plädiert auch im heutigen wirtschaftlichen Umfeld auf absehbare Zeit dafür, sich mit moderaten Lohnsteigerungen zufriedenzugeben und der Sicherung der Arbeitsplätze Priorität einzuräumen.

Dies führt jedoch in weiten Teilen der Bevölkerung zu einer erheblichen Verunsicherung, ob der eigene Lebensstandard mittel- und längerfristig zu halten ist. 44 Prozent der Bundesbürger machen sich Sorgen, ob ihr Einkommen in den nächsten Jahren ausreichen werde, 41 Prozent befürchten, dass sie ihren Lebensstandard im Alter nicht werden halten können. Knapp ein Drittel der gesamten Bevölkerung glaubt, das eigene Einkommens- und Wohlstandsniveau werde mittelfristig sinken. Mittlerweile halten es 72 Prozent der Bürger für ein weitverbreitetes Phänomen, dass Arbeitnehmer auch mit einer Vollzeitstelle so wenig verdienen, dass sie kaum ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Bürger erwarten steigende Lasten

Die Bürger sorgen sich um ihren Lebensstandard
Die Bürger sorgen sich um ihren Lebensstandard

Diese Verunsicherung ist nicht erst durch die schwere Wirtschafts- und Finanzmarktkrise ausgelöst worden. Die große Mehrheit war und ist von der Krise nicht persönlich betroffen; der Anteil der Bürger, die davon stark getroffen sind, lag zu keinem Zeitpunkt höher als acht Prozent. Entsprechend hat sich die Beunruhigung der Bürger über die Auswirkungen des gravierendsten Konjunktureinbruchs der Nachkriegsgeschichte auch sehr rasch gelegt.

Die Verunsicherung über die eigenen materiellen Perspektiven geht in erster Linie darauf zurück, dass die Bürger erwarten, die Zukunft werde nur geringe Verteilungsspielräume bei den Einkommen, aber erhebliche Belastungen bringen – bei den Sozialbeiträgen und insbesondere den Krankheitskosten, bei den Ausgaben für Energie und den allgemeinen Lebenshaltungskosten.

Entsprechend heißt die überwältigende Mehrheit es gut, dass mit den Hartz-IV-Transfers nicht nur Arbeitslose unterstützt, sondern auch die Einkommen von Geringverdienern aufgestockt werden. 63 Prozent der Bundesbürger befürworten diese Regelung, nur 20 Prozent halten sie für falsch.

Die Schulden des Staates und die Alterung der Bevölkerung werden in den nächsten Jahren zunehmend Korrekturen an den sozialen Sicherungssystemen erzwingen. Angesichts der Zweifel vieler Bürger, ob sie ihren Lebensunterhalt dauerhaft zufriedenstellend bestreiten können, ist die Ausgangslage für politische Reformen schwierig. Schon jetzt ist die Besorgnis der Bürger über die anstehenden Reformen wieder auf ein Niveau gestiegen ist, das zuletzt zur Zeit der rot-grünen Koalition und der Diskussion um die Agenda 2010 zu beobachten war.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts  für Demoskopie Allensbach  und Mitglied des Aufsichtsrates  mehrerer Dax-Unternehmen.

30 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 03.05.2010, 18:04 UhrAnonymer Benutzer: Anna-Amalia

    Die zunehmende Erwerbsbiographie der sogenannten (ehemaligen) qualififizierten (!) Mittelschicht entwickelt sich zunehmend in folgender Reihenfolge: Verschiedene befristete Arbeitsverträge, verschiedene Zeitarbeitsverträge, evtl. Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, welches ggf. untertariflich (auf Zeitarbeitsniveau) entlohnt wird. Wird diese Firma dann durch ein Private Equity Unternehmen übernommen und dieses schließt betriebsbedingt seine Pforten, folgt das minimale ALG i, welches zum Leben zuviel ist und zum Sterben zu wenig. Danach schreibt der bewerber noch Hunderte von - technisch einwandfreien - bewerbungen, die entweder Absagen nach sich ziehen oder gar nicht beantwortet werden. Evtl. wird noch die höfliche Frage gestellt, ob die Daten "gespeichert werden dürften". Danach folgt kein Kontakt mehr. Unweigerlich entwickelt sich beim bewerber eine Art "Schockstarre". Er sieht die Hartz iV Falle oder aber die lebenslange Rentenkürzung auf sich zukommen. Danach ? Spätestens dann darf sich der bewerber darauf freuen, von der Politik und der öffentlichen Meinung als "Sozialschmarotzer" bezeichnet zu werden und der "spätrömischen Dekadenz" zu frönen. Spätestens dann wird er mit sogenannen Geringqualifizierten und Alkoholabhängigen in einen Topf geworfen. Wie soll der bewerber bei zunehmender Altersdiskriminierung dieser "beruflichen" Entwicklung eigentlich anders aus dem Wege gehen können ?

  • 27.04.2010, 11:18 UhrAnonymer Benutzer: Hägar Schmidt

    @mb: ich möchte nicht verbissen wirken, aber ich kann einfach nicht lockerlassen. Geschäftsideenklau mit Robin Hood zu einer Heldentat zu stilisieren geht mir etwas zu weit. Nur, weil SAP-Gründer Deutsche waren, muss nicht heißen, dass sie sich alles dürfen? Das erinnert mich ein wenig an die frühere Gesetzgebung, wonach Schmiergelder im Ausland als betriebsausgabe galten, wogegen sie in Deutschland mit Gefängnisstrafe geahndet wurden. im Übrigen finanziert die ibM eine Menge Projekte, die in Deutschland hunderte von Millionen einsparen, zum beispiel die Java-Eclipse-Umgebung. Auch investiert die ibM nicht knapp hierzulande, nicht nur als Arbeitgeber sondern auch als investor (Der Stiftungsfonds ibM Deutschland). Außerdem stellt die ibM uns allen eine Menge spannender Forschungsergebnisse zur Verfügung (insbesondere in der Softwaretechnik). Soll nicht heißen, dass ich ein ibM-Fan bin, aber SAP ist im Vergleich doch ein Zwerg, so meine Einschätzung.

  • 27.04.2010, 10:38 UhrAnonymer Benutzer: FelixSchwarz

    Wie heißt es so schön: Es wird Gewinner und Verlierer geben. Die abhängig beschäftigten werden die Verlierer sein. Es ist doch klar wie das für uns kommen wird: Rente mit 70, Kürzung der Rente, Kürzung von Hartz iV usw. beamtenpeseionen werden erhöht, da die ihren schweren Dienst, uns zu kontrollieren, zufrieden ausüben müssen usw.!
    Gute Nacht Deutschland. Für unsere Töchter und Söhne, für unsere Enkel wird es immer schwerer die Zukunft zu bewältigen. Dafür machen die banken, vor allem die französischen banken, satte Gewinne! Ds ist durch die Entscheidungen der Politiker möglich gworden!

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Alternativen gesucht
Alternativen gesucht

Der Euro wird mit jedem Tag mehr zum Verhängnis für Europa, wirtschaftlich wie politisch. Wann endlich werden...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 21.05.2012

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.