Denkfabrik: Ifo-Chef Sinn: Mitarbeiterbeteiligung nutzt auch den Unternehmen

kolumneDenkfabrik: Ifo-Chef Sinn: Mitarbeiterbeteiligung nutzt auch den Unternehmen

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Hans-Werner Sinn ist Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München

Kolumne

Eine Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer kann den Unternehmen in der Krise mehr Liquidität verschaffen. Aber sie darf nicht die Mitbestimmung ausweiten, sagt Hans-Werner Sinn.

Die Einsicht kommt spät: In der Krise erinnern sich die deutschen Gewerkschaften plötzlich der Mitarbeiterbeteiligung. Die IG Metall etwa will in einer Reihe von kriselnden Unternehmen bei einem möglichen Lohnverzicht der Belegschaft im Gegenzug eine Kapitalbeteiligung der Arbeitnehmer durchsetzen. Dabei hatten die Gewerkschaften derartige Modelle eigentlich schon in den Sechzigerjahren zugunsten der Mitbestimmung verworfen.

Damals waren die Unternehmen nicht bereit, Mitbestimmung und Mitbeteiligung zugleich zu gewähren, weil die Gewerkschaften die Mitbeteiligung über zentrale, von ihnen gesteuerte Fonds realisieren wollten. Die Gewerkschaften hätten damit die Unternehmen in ihrer Hand gehabt und Deutschland auf den Dritten Weg, eine Wirtschaft mit einer Arbeiterselbstverwaltung nach jugoslawischem Muster, zwingen können. Sie mussten sich entscheiden. Und sie wählten die Mitbestimmung.

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Historischer Fehler

Das war ein historischer Fehler. Zwar brachte die Mitbestimmung sehr schnell Kontrollrechte in den Unternehmen und einträgliche Posten für die Gewerkschaftsfunktionäre. Doch entging den Arbeitnehmern die Chance auf eine substanzielle Vermögensbildung, die ihnen heute mit einem Kapitaleinkommen ein zweites Standbein in rauer See hätte verschaffen können. Siemens hat seit der Diskussion des Themas in den Sechzigerjahren für seine Mitarbeiter freiwillige Vermögensbildungsprogramme aufgelegt. Ein Mitarbeiter, der alle Programme mitgemacht hat, verfügt heute über 1500 Euro Monatsrente. Diese Zahl gibt ein Gefühl für die Größenordnung der verpassten Gelegenheit.

Sicher, im Nachhinein ist man immer schlauer. Da die Akkumulation des Kapitals der menschlichen Arbeit eine immer höhere Hebelwirkung verschaffte und es den Gewerkschaften ermöglichte, über Lohnkontrakte wachsende Knappheitsrenten für ihre Mitglieder zu erstreiten, schien damals die Vermögensbildung entbehrlich zu sein. Wer konnte schon ahnen, dass bald der Eiserne Vorhang fallen und die Arbeiter der westlichen Länder ihrer Knappheitsrenten beraubt würden?

Heute stehen nicht nur die 17 Prozent der Menschheit, die in den westlichen Industrieländern (einschließlich Südkorea und Japan) leben, dem Kapital als komplementäre Produktionsfaktoren zur Verfügung, sondern zusätzlich die 28 Prozent, die in exkommunistischen Ländern von Polen bis China beheimatet sind. Rechnet man Indien hinzu, das sich ebenfalls von seinem Zentralplanungsmodell verabschiedete, stehen heute zusätzlich 45 Prozent der Menschheit, allesamt stark motivierte Habenichtse, dem Kapital der Welt als Arbeitskräfte zur Verfügung.

Die privilegierte Position der Arbeiter des Westens ist dahin. Die Kapitalisten sind die Gewinner dieser historischen Entwicklung. Der gewaltige Wohlstandsschub, den die Globalisierung den Armen dieser Welt gebracht hat, entstand nicht nur durch Handelsgewinne, sondern auch durch eine Umverteilung der Einkommen zulasten der Arbeiter des Westens.

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