Denkfabrik: ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: Menschliches Glück lässt sich nicht messen

Denkfabrik: ifo-Präsident Hans-Werner Sinn: Menschliches Glück lässt sich nicht messen

Die Forderungen nach einer neuen, qualitativ orientierten Wohlstandsmessung führen in die Irre. Denn bei einer Maßzahl zum menschlichen Glück ließen sich die Ergebnisse nach Belieben manipulieren, schreibt ifo-Präsdisent Hans-Werner Sinn, Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung und -Ordinarius an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

"Wie schön war denn Weihnachten dieses Jahr bei dir?“ fragt der eine Kollege den anderen. Die Antwort: „25 Utile.“ „Beneidenswert. Ich kam diesmal nur auf 16.“

So oder so ähnlich könnte es zugehen, wenn man manchem Politiker, Medienvertreter oder Kapitalismuskritiker folgen möchte, die gerne das Bruttoinlandsprodukt (BIP) durch ein neues Wohlfahrtsmaß ersetzen würden, das auch qualitative Aspekte des Lebens erfasst.

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Die Qualität der Gesundheit, Umwelt und Bürgerrechte, der sozialen Kontakte und vieler anderer Aspekte des menschlichen Lebens würde dann in einer einheitlichen Skala zusammengefasst.

Der deutsche Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat nun zusammen mit seinem französischen Pendant, dem Conseil d’ Analyse Économique, ein Gutachten vorgelegt, in dem er zu einem vernichtenden Urteil gegenüber solchen Bestrebungen kommt.

Es heißt dort: „Die erste und wohl bedeutendste Schlussfolgerung unserer Expertise ist die Ablehnung jedes Ansatzes, der die Messung des menschlichen Fortschritts mit nur einem einzigen Indikator vornehmen will.“

Die Kollegen sollen einander also doch wieder erzählen dürfen, wie es wirklich zu Weihnachten war. Ob die Kinder zu Besuch waren, was man gegessen hat, ob man in der Kirche war und was man beredet hat. Die Vielfalt der Determinanten des menschlichen Glücks lässt sich nicht mit einer Maßzahl erfassen.

Das Problem bei der Erstellung einer solchen Maßzahl sind die Gewichte, die man den einzelnen Komponenten der Quellen menschlichen Glücks beimessen sollte, selbst wenn diese Komponenten selbst messbar sind, was allzu häufig aber nicht der Fall ist.

Durch die willkürliche Wahl der Gewichte bei der Aggregation der Einzelkomponenten lassen sich die Ergebnisse von Ländervergleichen nach Belieben manipulieren. Man kennt diese Problematik von Indikatoren zur angeblichen Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften oder zum Ausmaß der internationalen Korruption.

Forscher versuchen zwar, die Wahl der Gewichte durch statistische Verfahren, die die Korrelation mit anderen Maßgrößen maximieren, zu objektivieren. Doch bleiben diese Verfahren trotzdem in hohem Maße willkürlich.

Marktbasiertes BIP

Man mag dem entgegenhalten, dass das Aggregationsproblem beim BIP genauso groß ist – immerhin vergleichen wir auch dort Äpfel mit Birnen.

Millionen neu erzeugter Güter und Leistungen werden mit Gewichten versehen und dann einfach addiert. Man beachte aber, dass die Gewichte nicht vom Statistiker gesetzt werden, sondern aus Marktpreisen bestehen.

Das BIP misst den Marktwert aller in einer Periode neu erzeugten Endprodukte der Volkswirtschaft zuzüglich der Lagerveränderungen bei Zwischenprodukten und abzüglich der in diese Endprodukte eingehenden Vorleistungsimporte. Zieht man die Abschreibungen ab, also jenen Teil der Güter, die zum Ersatz des abbröckelnden Kapitalstocks benötigt werden, hat man das Nettoinlandsprodukt. Dieses ist zugleich die Summe aller Einkommen, die in der Volkswirtschaft verdient werden, sei es von Inländern oder Ausländern.

Zieht man nun die an Ausländer fließenden Einkommen ab und addiert die von Inländern aus dem Ausland bezogenen Einkommen, erhält man eine Maßzahl, die früher Nettosozialprodukt und neuerdings Nettonationaleinkommen genannt wird.

Die Sachverständigenräte weisen zu Recht darauf hin, dass dieses Nettonationaleinkommen zwar ein geeignetes Maß für die materielle Wohlfahrt ist, aber eben nicht für die sonstigen Dinge, die das Leben lebenswert machen. Das Nettonationaleinkommen gibt nämlich das maximale Konsumniveau einer Volkswirtschaft an, das sich die Gesellschaft leisten kann, ohne aus der Substanz zu leben.

Freilich wird dabei insofern ein Rechenfehler gemacht, als der Substanzverlust durch den Abbau der natürlichen Bodenschätze, der eine Abschreibung auf den natürlichen Kapitalstock darstellt, nicht mit abgezogen wird. Das Problem ist für ein Land ohne nennenswerte Bodenschätze wie Deutschland nicht so wichtig. Da wir die Rohstoffe aus dem Ausland einführen, werden sie hier schon über die importierten Zwischenprodukte abgezogen. Doch im Weltmaßstab würde sich sehr wohl ein Unterschied beim Nettonationaleinkommen ergeben, weil die Ressourcenexporteure definitionsgemäß aus der Substanz leben. Das Nettonationaleinkommen der Golfländer ist deshalb zum Beispiel nicht das, was die Statistiken ausweisen – sondern praktisch null.

"Grüne" volkswirtschaftliche Gesamtrechnung möglich

Diesen Schritt zu einer „grünen“ volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung könnten und sollten die Statistikbehörden eigentlich im Weltmaßstab gehen. Die nötigen Marktpreise dazu sind vorhanden. Dazu liest man in dem Gutachten leider nichts.

Dennoch ist die Studie der beiden Räte von unschätzbarem Nutzen für die Versachlichung einer bisweilen stark in die Irre gelaufenen Diskussion zur qualitativen Wohlfahrtsmessung.

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