Denkfabrik: Kein Anlass für Alarmismus

Denkfabrik: Kein Anlass für Alarmismus

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Renate Köcher ist Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach und Mitglied des Aufsichtsrates mehrerer Dax-Unternehmen.

Eine Zweiklassenmedizin lässt sich nicht vollständig verhindern. Wichtig ist daher eine gute Grundversorgung. Und da sind die Deutschen durchaus zufrieden, sagt Renate Köcher.

Kürzlich erregte der Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomie, Karl Lauterbach, mit der These Aufsehen, es gebe bei der medizinischen Versorgung eine Zweiklassengesellschaft und in absehbarer Zeit amerikanische Verhältnisse – eine gute medizinische Versorgung der Wohlhabenden, aber eine völlig unbefriedigende Versorgung der ärmeren Bevölkerungskreise.

Diese Sorge ist auch in der Bevölkerung weitverbreitet. 78 Prozent sind überzeugt, dass sich die Versorgung von wohlhabenden und ärmeren Bevölkerungskreisen immer mehr auseinanderentwickelt. Generell ist die Bevölkerung skeptisch, wie sich das Gesundheitssystem entwickeln wird. Die überwältigende Mehrheit geht davon aus, dass die Kosten des Gesundheitssystems kontinuierlich steigen und gleichzeitig das Leistungsniveau sinken wird.

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84 Prozent rechnen mit steigenden Beiträgen, 81 Prozent mit höheren Zuzahlungen für Medikamente; drei Viertel erwarten, dass die Kassen ihren Leistungskatalog weiter einschränken, zwei Drittel, dass eine Gesundheitsversorgung auf dem heutigen Niveau nicht mehr für alle gewährleistet werden kann. Die Erwartung, dass die Kassen künftig nur noch die Kosten für die medizinische Grundversorgung übernehmen, hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich zugenommen.

Zweiklassenmedizin, ja! Aber auf welchem Niveau?

Die Mehrheit der Bürger ist überzeugt, dass privat Versicherte für den Krankheitsfall besser abgesichert sind, bevorzugt und auch fachlich besser behandelt werden, mehr Leistungen erstattet bekommen und mehr Freiheiten bei der Auswahl von Ärzten und Therapien haben. Gleichzeitig würde jedoch nur eine Minderheit der gesetzlich Versicherten in die PKV wechseln, wenn es ihnen möglich wäre, da sie die Kosten einer privaten Vollversicherung scheuen – insbesondere mit Blick auf die Zeit nach dem Ausscheiden aus dem Beruf und die Beiträge für Angehörige.

Teilweise wird suggeriert, dass erst die Koexistenz von gesetzlicher und privater Krankenversicherung die Zweiklassenmedizin hervorbringt oder zumindest befördert. Selbst eine Eliminierung der PKV könnte jedoch nicht verhindern, dass finanziell bessergestellte Bevölkerungskreise Gesundheitsleistungen „zukaufen“ können, wenn ihnen die staatlich zugeteilte Ration unbefriedigend erscheint.

Genauso wenig ist zu erwarten, dass ein Wegfall der privaten Versicherung der Masse der Bevölkerung ein besseres Leistungsniveau sichern würde: Viele Arztpraxen erzielen nur durch die Mischkalkulation aus teilweise unbefriedigend honorierten Leistungen für die gesetzlich Versicherten und den höheren Honoraren für privat Versicherte ein Gesamtergebnis, das ihnen ermöglicht, einen soliden Leistungsstandard für alle Patienten zu sichern.

Zweiklassenmedizin

Was die Bürger innerhalb der nächsten zehn Jahre erwarten

Die Frage ist letztlich nicht, ob eine Zweiklassenmedizin zu verhindern ist. Sie ist es – zumindest in Grenzen – nicht. In einer freiheitlichen Gesellschaft mit sozialer Differenzierung ist der Spielraum, sich eine Versorgung über der vorgeschriebenen Norm zu leisten, zwangsläufig unterschiedlich. Die entscheidende Frage ist vielmehr, ob die für alle garantierte Grundversorgung auf einem befriedigenden Niveau liegt.

Hier finden sich nur wenig Belege, die den Alarmismus rechtfertigen, Deutschland stehe an der Schwelle zu US-Verhältnissen und garantiere gesetzlich Versicherten keinen guten Versorgungsstandard mehr. Zwar ziehen privat Versicherte tendenziell eine bessere Bilanz ihrer Erfahrungen mit dem Hausarzt, attestieren ihm Bemühen um kurze Wartezeiten und die ausführliche Erklärung von Behandlungen. Insgesamt liegen zwischen den Erfahrungen von gesetzlich und privat Versicherten jedoch keineswegs Welten: 64 Prozent der privat Versicherten und 55 Prozent der gesetzlich Versicherten attestieren ihrem Hausarzt Gründlichkeit.

Mehr Vertrauen in die Privaten

Wie ist man im Krankheitsfall besser abgesichert?

Nur 16 Prozent der gesetzlich Versicherten und 12 Prozent der privat Versicherten meinen, er nehme sich zu wenig Zeit. Den Vorwurf zu langer Voranmeldezeiten erhebt zumindest in Bezug auf den Hausarzt nur eine Minderheit von fünf Prozent der privat und elf Prozent der gesetzlich Versicherten. Besonders bei Krankenhausaufenthalten zeigen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den Versichertengruppen.

So sind mit Blick auf ihren letzten Krankenhausaufenthalt 92 Prozent der gesetzlich Versicherten und 83 Prozent der ausschließlich privat Versicherten mit der medizinischen Versorgung zufrieden, 91 Prozent der privat Versicherten und 83 Prozent der gesetzlich Versicherten loben die Qualität von Pflege und Betreuung. Insgesamt stellt die Mehrheit der Versicherten der gesundheitlichen Versorgung in Deutschland ein gutes Zeugnis aus. Die Sorge gilt der Frage, ob eine solide Grundversorgung auch in Zukunft gewährleistet werden kann.

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