Denkfabrik: Mehr Kreativität in der Forschungsförderung

Denkfabrik: Mehr Kreativität in der Forschungsförderung

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Bernd Kriegesmann

Wirtschaftswachstum braucht Innovation. Dazu gehört auch, in der staatlichen Forschungsförderung öfter mal die alten Trampelpfade zu verlassen, sagt Bernd Kriegesmann.

Der Begriff „Innovation“ fehlt heute in kaum einer Rede zum Wirtschaftsstandort Deutschland. Vor allem Vertreter aus Politik und Verbänden werden nicht müde zu bekunden, dass nur über Innovationen mehr Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und neue Arbeitsplätze entstehen können. Diese Einsicht ist nicht wirklich überraschend, wie sonst sollte Fortschritt in einer dynamischen Weltwirtschaft erzielt werden als durch neue Ideen, Prozesse, Produkte und Dienstleistungen? Wenn sich die Innovationsrhetorik der letzten Jahre in echten Innovationen niedergeschlagen hätte, wäre es um den Standort Deutschland gut bestellt. Doch das reale Innovationsgeschehen ist weit weniger expansiv.

Zwar machen zunehmende Forschungs- und Entwicklungsausgaben und steigende Patentanmeldungen glauben, die häufig beklagte Innovationsschwäche in Deutschland sei überwunden. Und High-Tech-Initiativen, Netzwerkaktionismus und Transferbemühungen sollen weitere Impulse geben. Doch marktgängige Innovationen ergeben sich daraus, das zeigen die bisherigen Erfahrungen, nur unzureichend. Unsere zum Teil herausragende Ausgangsposition in wichtigen Schlüsseltechnologiebereichen wie etwa der Biotechnologie wird nur in geringem Umfang für neue Produkte und Dienstleistungen genutzt. Bei durchaus beachtlichen Forschungserfolgen ist die Umsetzung naturwissenschaftlich-technischen Erkenntnisgewinns an Hochschulen und in der Wirtschaft sogar rückläufig: Dem Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit zufolge ist der Umsatzanteil mit Marktneuheiten im verarbeitenden Gewerbe von 8,3 Prozent im Jahr 2000 auf 6,1 Prozent (2007) gesunken.

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Aus Ideen werden zu selten marktfähige Produkte

Positive Innovationseffekte entstehen aber erst, wenn es gelingt, Spitzenforschung in marktgängige Produkte und Dienstleistungen zu überführen und am Markt durchzusetzen. Das heißt, man muss sich stärker der Umsetzung von Forschungsergebnissen widmen. Die gängige Reduktion auf staatlich geförderten Transfer als Lösungsmuster bleibt dabei weitgehend wirkungslos. Die direkte Übernahme „fertiger“ Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft in Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren ist der absolute Grenzfall. Die Implementierung von Innovationen erfordert vielmehr komplexe Umbauprozesse, in denen alte Problemlösungen ersetzt, bestehende Fertigungstechnologien obsolet, Mitarbeiterkompetenzen entwertet und Marktbeziehungen neu geordnet werden.

Doch es wäre zu kurz gegriffen, sich nur auf die Umsetzung von Ideen zu kaprizieren. Es geht auch darum, die Innovationspipeline immer wieder zu füllen. Die gängige Innovationspolitik verfolgt ein einfaches Muster: Orientiert an vermeintlichen Zukunftstechnologien, die durch Prognosen als abgesichert gelten, sollen durch Technologieförderung neue Produkte, Dienstleistungen und Verfahren angestoßen werden. Weil sich aber alle Förderer meist auf die gleichen Urteile der gleichen (und risikofrei prognostizierenden) Institutionen verlassen, gleichen sich die Projektionen und Programme von Ländern, Bund und EU. Die initiierende Funktion dezentraler Innovationskräfte wird so vernachlässigt. An Vorsteuerung gewöhnt, vergessen viele Innovationsförderer, das Experimentieren zu ermöglichen.

Praxisferne von heute ist Praxisnähe von morgen

Doch wer Innovationspotenziale aufspüren will, muss Entdeckungsprozesse auch jenseits des konsensfähigen Mainstreams anregen – und Entwicklungen in Feldern zulassen, die nicht allgemein akzeptiert sind. Ohne das Verlassen abgesicherter und vorgegebener Pfade wären Faxgerät, Wankelmotor oder MP3-Player wohl nie erfunden worden. Nur über Entdeckungsprozesse können sich die Potenziale neuer Technologien in zunächst gar nicht angedachten Anwendungsfeldern entfalten. Die Mikroelektronik hat den Weg in den Autoschlüssel ebenso wenig eigenständig gefunden wie die Nanotechnologie in die Fassadenfarbe. Dies sind Ergebnisse kreativen Querdenkens.

Dazu gehören auch Forschungsarbeiten, die zunächst keine unmittelbaren Verwertungsmöglichkeiten eröffnen. Die Praxisferne von heute ist Grundlage für die Praxisnähe von morgen. Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen schaffen so Voraussetzungen für zukünftige Innovationen. Dabei ist angesichts knapper Finanzmittel die Konzentration auf ausgewählte Handlungsfelder nachvollziehbar; eine solche Kanalisierung heißt aber nicht, Vielfalt zu unterbinden. Gerade in der Vielfalt liegen die Entwicklungspotenziale für morgen.

Inwieweit die beim Innovieren anstehenden Aufgaben bewältigt werden, hängt entscheidend von den Fach- und Führungskräften in Wissenschaft und Wirtschaft ab. Ihre Fähigkeit, neue Ideen bis zur Umsetzungsreife zu entwickeln und dann in die breite Anwendung zu bringen, ist die Voraussetzung für Vorteile im internationalen Wettbewerb. Für eine echte Innovationspolitik, die nicht nur Technologien fördern will, sollte daher der Kompetenzaufbau in die Förderung integriert werden. Dies ließe sich realisieren, indem zehn Prozent der Mittel von Technologieprogrammen in den Aufbau von Anwendungs- und Umsetzungskompetenz fließen. Das wäre dann eine echte Innovation in der Innovationspolitik.

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